Alzheimer - und dann?

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Warum ich gegen Crash-Kurs-Pflegeassistentinnen bin

21. August 2008

Ich habe diese Geschichte schon mal hier im Blog erzählt, aber weil myblog keine anständige Suchfunktion hat, finde ich sie nicht. Die regelmässig hier Mitlesenden mögen mir also die Wiederholung verzeihen. Der Vorfall, den ich jetzt erzähle, macht sehr schön deutlich, warum es beim Umgang mit Demenzkranken nicht um so eben mal ein bisschen Betüdeln oder Vorlesen geht. Außerdem was heißt hier vorlesen? Mama gehört sicher zu den noch zu den kommunikativeren Demenzkranken, aber vorlesen wäre jenseits ihrer Möglichkeiten.

Demenz ist ein sehr komplexes Krankheitsbild, und bei jedem Kranken kann das auch ganz unterschiedlich aussehen. Dann noch die unterschiedlichen Stadien der Krankheit. So eine Pflegeassistentin ist ja dann im Heim nicht nur mit dem einzelnen Kranken konfrontiert, sondern mit einer Gruppensituation. Etwas Einfühlungsvermögen und ein bisschen Crashkurs reichen da nicht.

Unter der Woche sind tagsüber in Mamas Wohngruppe, die acht Bewohner – in der Mehrzahl Frauen – umfasst, meist drei Mitarbeiterinnen im Gruppendienst. Sie haben unterschiedliche Qualfikationen: Krankenpflegekräfte, Altenpfleger, Heilpädagogen, Pflegeassistentinnen und Servicekräfte. Eine dieser Servicekräfte heißt hier im Blog Margit. Sie ist Anfang 60, war früher in der Datenerfassung tätig. Nachdem die Firma geschlossen hatte, hat sie sich umorientiert und im Heim beworben. Sie hat sich fortgebildet und nimmt auch regelmässig an den hausinternen Weiterbildungsangeboten teil. Als Servicekraft ist sie für alles, was mit Hauswirtschaft in der Wohngruppe zu tun hat, verantwortlich: Reinigung der Zimmer, Organisation der Wäschepflege (Wäsche wird auswärts gewaschen), Organisation der Speisen und Getränke, die in der Wohngruppe bereitgehalten werden, Zubereitung von kleinen Speisen, Unterstützung einzelner Bewohner bei der Nahrungsauffnahme, mehrmals in der Woche Kuchen backen, Alltagsgespräche führen. Egal wie auch immer man ihre Tätigkeiten beschreibt, die wesentliche Anforderung ist, die Atmosphäre in der Wohngruppe zu prägen und die Bedürfnisse der Bewohner adäquat wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Manchmal besuche ich Mama vormittags, aber nicht allzu häufig, da mein Anfahrtsweg ziemlich genau zwei Stunden dauert und ich von meinem Biorhythmus eher zu den Nachteulen als zu den Lerchen gehöre. Bei einem dieser Besuche ist Mama noch mit einer Pflegekraft in ihrem Badezimmer zugange als ich komme. Ich warte und begrüsse sie als sie fertig ist. Wir fahren ins Gruppenwohnzimmer zum Frühstücken. Dort hat jede/r Bewohner/in einen festen Platz. Mama sitzt neben Herrn Vogel. Er ist seit einigen Wochen in der Wohngruppe. Die beiden verstehen sich prächtig, besonders weil Herr Vogel sich auch gerne unterhält und sie die gleichen Fernsehsendungen mögen und anschauen. Mich freut es für sie, dass er in die Wohngruppe gekommen ist.

Wir setzen uns also neben Herrn Vogel, der Mama mit „guten Morgen“ plus Vornamen begrüßt und wissen will, ob sie gut geschlafen hat. Margit bringt Mama ihr Frühstück. Mama dreht sich nach der morgendlichen Begrüßung von Herrn Vogel zu mir und sagt mit einer Mischung aus Herablassung und Irritation: „Mausi, was will denn der Herr neben uns? Kennen wir den? I-c-h kenne den überhaupt nicht.“

Herr Vogel ist f-a-s-s-u-n-g-s-l-o-s. Die Erschütterung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Einen Moment steht ihm der Mund offen. Dann legt er los: „Was, Du kennst mich nicht? Das kann doch nicht sein“. Herr Vogel versteht die Welt nicht mehr. „Seit Wochen sitzen wir gemeinsam miteinander hier am Tisch. Tag für Tag. Wir frühstücken miteinander und essen mittags miteinander und abends. Und fernsehen tun wir auch miteinander. Und du kennst mich nicht. Ich glaube, Du brauchst jetzt eine Brille.“

Aber auch eine Brille wäre hier keine Lösung. Herr Vogel ist richtig in Fahrt gekommen. Mama versteht die Welt aber genauso wenig wie er. Und ich habe einen Blackout, ringe nach Worten, und mir fällt und fällt nichts ein. Und was mir schließlich einfällt, läuft entweder darauf hinaus, dass Mama oder Herr Vogel beschämt werden.

Da kommt Margit mit der Kaffeekanne an den Tisch und fragt ganz ruhig: „Herr Vogel, wie schaut es aus. Noch Kaffee für Sie?“ Herr Vogel nickt. Seine Hände zittern leicht vor Aufregung als er die Kaffeetasse zum Mund führt. Auch Mama bekommt Kaffee angeboten. Dann schaut Margit die beiden an, lächelt und sagt: „Na, det is doch schön, wenn ihr zwei beide Euch jeden Morgen neu kennenlernt".“ Herr Vogel kommentiert: „Det stimmt“. Und beide – Mama und Herr Vogel - strahlen wie Weihnachtsbäume.


Zum Weiterlesen:
Wie das mit Mama und Frau Elsa bei der Beschäftigungstherapie läuft, obwohl Mama nicht malen, schneiden, kleben, formen oder reißen mag, das ist hier nachzulesen.
20.8.08 08:02


Kirchen sind Teil der Pflegemafia

19. August 2008

Gestern in Publik-Forum, einer Zeitung für kritische Christen (Ausgabe vom 15. August) mit Bezug auf die Wochenzeitung Parlament gelesen:

Claus Fussek, Gesundheitsexperte, hat den Kirchen vorgeworden, Teil einer "Pflegemafia" zu sein. Wenn es um Gratishumanität gehe, stünden sie immer ganz vorn, sagte Deutschlands bekanntester Kritiker der Pflegeorganisationen im Interview mit der Wochenzeitung Das Parlament. Wo sie aber mitverdienten und vwerantwortlich seien, schwiegen sie und leugneten die Probleme, so Fussek mit Verweis auf Pflegeheime in kirchlicher Trägerschaft. "Wer überall seine Finger drin hat, kann keine Faust mehr ballen". Das erkläre auch, warum sich die Kirchen als größter Arbeitgeber in diesem Bereich nicht flächendeckend für eine ordentliche Bezahlung von Pflegekräften einsetzten. Die Kirchen würden im existierenden System "skrupellos an wehrlosen menschen sehr viel Geld" verdienen und trotz aller Erkenntnisse darüber, was falsch liefe, am System festhalten."

Leider stehen nur auswahlweise Artikel aus "Das Parlament" im Netz und dieses Interview gerade nicht. Aber auch auf der Seite vom Domradio wird über diese Kritik berichtet mit Verweis auf die KNA als Quelle.


Nachtrag: Danke für den Kommentar! Das Interview befindet sich unter dem Titel "baut keine Heime mehr" hier
19.8.08 16:43


Nochmal: Langzeitarbeitslose in Pflegeheimen für Demenzkranke

18. August 2008

Da hat man den Beruf jahrelang kaputtgespart und sucht jetzt nach einer Billiglösung auf Kosten der Dementen.

Würde man geeignete und willige Menschen auf Kosten der Arbeitsagentur die Pflegeausbildung machen lassen und ihnen damit eine wirkliche berufliche Perspektive eröffnen, dann ginge es ja noch. Aber ein Crash-Kurs in Sachen Alten- und Dementenpflege??? Das kann ja nur zu Lasten der Hilfebedürftigen gehen.
meint die Wetterhexe, die selbst als Krankenschwester arbeitet.
18.8.08 20:09


Langzeitarbeitlose als Pflegeassistenten für Demenzkranke?

16. August 2008

Seit gestern schwappt eine neue Idee durch die Medien und ist auch schon in der Tagesschau gelandet: Langzeitarbeitslose sollen als Pflegeassistenten in Heimen für dementiell veränderte Menschen eingesetzt werden. 10 000 neue Stellen - so meint die Bundesregierung - könnten dadurch entstehen. Das überlastete Pflegepersonal soll dadurch unterstützt werden.

Die Logik verstehe ich nicht: Hilfskräfte brauchen eine Ausbildung und danach Anleitung und Begleitung. Am Dienstag soll über ein Konzept der Ausbildung für diese Mitarbeiterinnen entschieden werden, das 160 Ausbildungsstunden vorsieht (100 Theoriestunden, 60 Praxisstunden). Für die Anforderungen, die man an diese Kräfte, die aus dem hauswirtschaftlichen und familienpflegerischen Bereich kommen sollen, sind sehr niedrig angesetzt.

Pflegeassistentin ist schon jetzt ein Ausbildungsgang. Je nach Ausbildungseinrichtung und Bundesland umfasst diese Ausbildung wenn die Zielgruppe, auf die hin ausgebildet wird, Demenzkranke sind 700 (siebenhundert!!!) bis 900 (neunhundert!!!) Stunden.

In einem Artikel des Spiegel heißt es:
Pflegevertreter äußerten sich skeptisch: "Demenz gleichzusetzen mit Basteln, Vorlesen und Spazierengehen, ist eine Unverschämtheit", sagte Helmut Wallrafen-Dreisow, Mitglied des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe. Die Grünen-Pflegeexpertin im Bundestag, Elisabeth Scharfenberg, kritisierte: "Man muss sich für diesen Beruf entscheiden und kann nicht hinein-entschieden werden."
mehr hier .

In der Süddeutschen Zeitung heißt es:

Doch gerade in den vergleichsweise geringen Anforderungen sieht die Bundesagentur offenbar ihre Chance, auch Langzeitarbeitslose in den Pflegeheimen zu beschäftigen. Besonders offensiv bereitet die Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen die Vermittlung vor. In der Pflege entstünden derzeit neue Arbeitsplätze für "schwer vermittelbare Kunden", heißt es in einem internen Schreiben. "Alle Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden", um hier Arbeitslose unterzubringen.
Das klingt wenig vertrauenderweckend und wirkt auf mich so als ob die Arbeitslossenstatistik möglichst billig verbessert werden soll.

Weiter heißt es in dem gleichen Artikel:

Experten bezweifeln, dass unter den Arbeitslosen qualifizierte Pflegekräfte in nennenswerter Zahl zu finden sind. Schon heute suchen viele Heime verzweifelt nach geeignetem Pflegepersonal. Bei der Bundesagentur für Arbeit waren zuletzt 10.157 Stellen für Altenpfleger und Altenpflegehelfer gemeldet. Und das obwohl 30.000 Menschen mit dieser Qualifikation arbeitslos gemeldet waren.
Diejenigen, die diese Idee aufgebracht haben, wissen wohl nicht, was für eine anspruchsvolle Aufgabe die Begleitung von dementiell veränderten Menschen ist. Die Diskussion im Spiegel-Forum ist sehr lebhaft und geht hier los.
16.8.08 22:09


schlechte Nachricht - gute Nachricht

12. August 2008

Gestern abend ein Anruf: Mama sei aus dem Rollstuhl gefallen. Es sei ihr nichts passiert. Nichts tue ihr weh. Jetzt liege sie im Bett und schlafe. Ich bin unruhig, schlafe schlecht und will hinfahren und sehen, wie es ihr geht. Als ich ankomme ist Mama wieder mal mopsfidel. Am Telefon hatte sich das Ganze dramatischer angehört, als es war. Mama hatte in ihrem Zimmer ferngesehen und wohl den Versuch gemacht aufzustehen. Sie ist aus dem Rollstuhl rausgerutscht. Ich bin erleichtert.

Außerdem sehe ich, daß Mamas Lieblingspfleger wieder da ist. Er ist noch in der Ausbildung und mußte ein sieben Monate in die ambulante Altenpflege.

Zwei Monate lang hat Mama ihn vermisst. Ich habe unendlich viele Nachrichten auf losen Blättern, Servietten und anderen Schreibmöglichkeiten an den unmöglichsten Orten gefunden. Da stand dann zu lesen: "Alex, wo bist Du" oder "wo ist Alex" oder "Wann kommt Alex wieder" oder einfach nur sein Namen. Nun ist er wieder da, und die Freude ist groß.
12.8.08 23:11


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