Alzheimer - und dann?

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Wohnungskündigung

22. Juni 2005


Zu nachtschlafender Zeit l?utete gestern das Telefon: Hingehen oder weiterschlafen? M?hsam finde ich aus dem Bett. Am anderen Ende stellt sich Frau L. als Verfahrenspflegerin vom Vormundschaftsgericht f?r meinen ?Antrag f?r Wohnungsk?ndigung? vor.

Als ich vor 1 ? Wochen beim Rechtspfleger meinen Betreuerausweis abholte, machte er mich darauf aufmerksam, dass ich die Wohnung meiner Mutter nur mit einem Gerichtsbeschlu? k?ndigen k?nne. Den Antrag dazu k?nne ich gleich bei ihm stellen.

Das war neu f?r mich. In dem Beschlu?, den mir das Vormundschaftsgericht Mitte Mai geschickt hatte, stand, dass ich als Betreuerin eingesetzt bin. Mein ?Aufgabenkreis? umfasst laut Urkunde:

- Aufenthaltsbestimmung
- Gesundheitsf?rsorge
- Verm?genssorge
- Abschlu?, ?nderung und Kontrolle des Heimvertrages
- Vertretung gegen?ber Beh?rden, Versicherungen, Renten- und Sozialleistungstr?gern
- Anhalten, Entgegennahme und ?ffnen der Post sowie Entscheidungen ?ber Fernmeldeverkehr
- Wohnungsangelegenheiten
- Organisation der ambulanten Versorgung

Da ?Wohnungsangelegenheiten? ausdr?cklich benant waren, kam ich von selber nicht auf die Idee, dass ich f?r eine K?ndigung einen Gerichtsbeschlu? brauchen w?rde. Ich stellte bei Rechtspfleger A. also den entsprechenden Antrag.
Nun will Frau L. wissen, ob meine Mutter noch im Bezirkskrankenhaus ist (- nein im Altenheim -) und warum ich denke, dass sie nicht mehr zuhause wohnen und versorgt werden kann.

Ich erz?hle, dass sie immer ?fter die Mitarbeiter vom ambulanten Pflegedienst nicht mehr in die Wohnung lie?. Der Zivi konnte nicht f?r sie einkaufen. Vermutlich erkannte sie die Leute nicht mehr. Als sie im Krankenhaus war und ich in ihre Wohnung kam, hatte sie ? au?er einer halben T?te Milch, einigen Eiern und acht Scheiben Wurst ? nichts mehr im K?hlschrank. Im Tiefk?hlfach war g?hnende Leere. Meine Mutter hatte immer viele Vorrate. Ich sah beim Wegbringen der Abfallt?ten, dass sie sich die beiden letzten Wochen vor der Einlieferung ins Krankenhaus ausschlie?lich von Obstkonserven ern?hrt hatte.

Letztes Jahr im Oktober ? so erz?hlte mir ihr Lieblingsnachbar - r?ckte die Feuerwehr mit zwei L?schz?gen an. Mama hatte vergessen, dass sie auf dem Herd eine Pfanne mit Fett hatte. Den Rauchmelder h?rte nicht sie, sondern eine Nachbarin, die dann die Feuerwehr alarmierte. Meine Mutter wei? davon nicht mehr.

Es ist nur der Freundlichkeit der Nachbarn zu verdanken, dass sie solange in ihrer Wohnung bleiben konnte. Herr E. war immer der Nothelfer f?r Kleinreparaturen und allerlei Alltagskram. Frau Z. hat f?r sie Lebensmittel eingekauft bis meine Mutter ihr vorwarf, Wechselgeld behalten zu haben. Manchmal war Ma mit ihren vier Schl?sselbunden mitten in der Nacht unterwegs um an den Schl?ssern der Nachbarn auszuprobieren, ob irgendwo die Schl?ssel passen.
Essen und trinken verga? sie ? und auch die Medikamenteneinnahme. Sie, die fr?her 65 kg wog, ist auf 42 kg abgemagert.

Das reichte Frau L. f?r ihr Gutachten. Sie versprach, es so schnell wie m?glich zu schreiben. Vielleicht bekomme ich den Gerichtsbeschlu? noch im Juni. Der Mietvertrag hat drei Monate K?ndigungsfrist, und ich bin um jeden Monat froh, f?r den ich die Miete nicht bezahlen mu?.

Anschlie?end ging ich zum Postamt um den Nachsendeantrag f?r Muttis Post zu stellen. Den Betreuerausweis und eine Kopie davon nahm ich mit. Die Postangestellte h?ndigte mir ein Formular aus, das ich mit der Unterschrift meiner Mutter zur?ckbringen solle. Meine Mutter schreibt nicht mehr. Ic f?llte das Blatt aus, unterschrieb es und steckte es mit einer Kopie des Betreuerausweises in einen Briefumschlag. Kosten: 14,80 Euro.

Dann fuhr ich ins Heim, weil ich mit Stationspfleger D. verabredet war. Ich lernte zwei Pflegerinnen, B. und L. kennen. Ich werde wohl eine ganze Zeit brauchen bis ich alle Mitarbeitenden der Wohngruppe kenne.
Anschlie?end fuhr ich noch zum ersten Mal zu einem Treffen der Alzheimer-Angeh?rigengruppe ? dazu mehr ein anderes Mal.

Nach diesem anstrengenden Tag musste ich meine Batterien aufladen. Wegen Sommeranfang fand in der ganzen Stadt drinnen und drau?en das Fete de la Musique statt. Aber erst einmal brauchte ich einen leckeren Karotten-Orangen-Kuchen bei Salomon Bagels. Am Potsdamer Platz unterhielt die Sambagruppe ?Quebra Ouvidos? mit mitrei?enden St?cken viele Schau- und H?rlustige. Anschlie?end schaute ich noch beim J?dischen Filmfestival Berlin vorbei. Bei ?Diet Leibovich? und ?Only Human? habe ich viel gelacht ?ber die famili?ren Verwicklungen als Leni ihren neuen Freund, einen Pal?stinenser, zu einem Schabbat in ihre Familie mitbrachte.
22.6.05 19:14
 



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