Alzheimer - und dann?

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Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen - oder: Wenn die Vergangenheit nicht (mehr) vergangen ist

29. August 2007

Vor einiger Zeit musste Mama zum Orthopäden. Es ging um ein neues Rezept für Krankengymnastik. In bestimmten Abständen – so sieht es die Krankenkasse vor – muß sich der Arzt das anschauen bevor er weitere Verordnungen verschreiben darf.

Über holperige Landstraßen wurden wir mit dem Krankentransport in die Arztpraxis gebracht. Mama saß in einer speziellen Trage im Wartezimmer. Es ist ja nicht so, dass man – wenn man mit dem Transport kommt – schneller dran kommt. Es war ein durchschnittliches Wartezimmer einer durchschnittlichen Facharztpraxis. Die Atmosphäre war weder besonders freundlich noch besonders unfreundlich. Die übliche Geschäftigkeit mit den üblichen Abläufen: Türen klappern, das Telefon klingelt, der eine oder andere Namen wird zur Bestrahlung, ins Sprechzimmer oder an die Rezeption gerufen.

Einige Patienten, vorwiegend Frauen im Rentenalter zu dieser vormittäglichen Stunde, lesen im Grünen Kleeblatt oder Echo der Frau, was sich in den europäischen Königshäusern, dem Hochadel und prominenten Kreisen so tut: Wer wen heiratet, betrügt, Nachwuchs in die Welt gesetzt hat, sich bis zum Abwinken betrinkt …

Mama will nichts anschauen. Die Fahrt hat sie ziemlich angestrengt. Sie ist in sich versunken. Hoffentlich müssen wir nicht so lange warten. Dann und wann geht eine Tür auf oder zu.

Auf einmal fängt Mama an zu schreien. Sie ist völlig aufgelöst und besteht nur noch aus Panik. Stoßweise bricht es aus ihr heraus: „Nicht misshandeln! Nicht misshandeln! – Nein, ich lasse mich nicht in Konzentrationslager bringen. – Nie mehr – Ich will keine medizinischen Versuche – Ich lasse mich nicht mitnehmen“.

Ich sehe sie neben mir, gerade noch 40 Kilo schwer. Sie kann sich kaum noch alleine bewegen, ist auf den Rollstuhl angewiesen und kann ohne Hilfe fast nichts mehr tun.

Ich nehme sie in den Arm: „Mama, ich bin doch bei Dir und beschütze Dich“. Sie wird etwas ruhiger. „Mama, es gibt keine Konzentrationslager mehr“.

Sie wimmert noch leise: „Nicht misshandeln. Keine medizinischen Versuche – ich will das nicht“.

„Mama, die bösen Ärzte sind alle verurteilt worden und ins Gefängnis eingesperrt worden. Die können Dir nichts mehr tun. Nie mehr!“ Sie wird langsam ruhiger. Ich spüre gleichzeitig eine ungeheure Hilflosigkeit und eine archaische Wut, denn nur wenige der „bösen Ärzte“ sind zur Rechenschaft gezogen worden und dann meist recht gut weggekommen.

Die anderen Patienten sind erstarrt und haben sich hinter ihren Zeitschriften verkrochen. Eine ältere Frau ist mit ihrer Bestrahlung fertig und kommt zu uns. Sie verabschiedet sich von mir: „Es tut mir so leid. Ich wünsche Ihnen alles Gute, für Sie und Ihre Mutter“. Dieses Zeichen von Mitgefühl tut mir gut.

Schließlich werden wir ins Sprechzimmer gerufen. Der Doktor verschreibt ihr Krankengymnastik und Lymphdrainage. Er meint: „Sie müssen mit Ihrer Mutter nicht mehr herkommen. Rufen Sie einfach an und geben Sie bescheid, was Sie brauchen.“

Noch erreiche ich Mama. Noch erkennt sie mich. Noch kann sie sich ausdrücken. Aber was wird sein, wenn sie mich eines Tages nicht mehr erkennt, wenn sie eines Tages nicht mehr sprechen können wird?

Zwei Wochen später komme ich in ihr Zimmer und höre, wie sie schreit: „Nicht misshandeln“. Die Krankengymnastin ist bei ihr, eine junge Frau so um die 25 Jahre, die völlig fassungslos ist und ganz entgeistert stammelt: „Aber ich habe Ihrer Mutter doch gar nichts getan.“

Einige Tage später wird mir ihre Lieblingspflegekraft von einer ähnlichen Erfahrung berichten. Ich bin froh, dass das Pflegeteam regelmäßig Supervision und Fortbildungsmöglichkeiten hat.
29.8.07 18:37
 



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