Alzheimer - und dann?

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Ratlos

18. Dezember 2005

Als ich gegen halb drei kam, war Mama gerade auf dem Weg aufs Klo. Frau Holzapfel lag im Bett und wollte weiter da liegen bleiben. Pfleger Fritz fragte Mama, ob sie lieber im Zimmer oder mit den anderen im Wohnzimmer Kaffee trinken wolle. Klare Ansage: Zimmer. Fritz brachte Kaffee und Kuchen f?r sie und Kaffee f?r mich. Wir unterhielten uns, aber ununterbrochen kr?hte Frau Holzapfel, dass wir ruhig zu sein h?tten, weil sie schlafen wolle. Sie h?rte sich sehr munter an und ich hatte eher den Eindruck, dass es ihr darum ging, zu bestimmen, was passiert. Sie wollte auch unterschiedliche Leute an ihr Bett beordern, um ihre Tasche zu ?ffnen bzw. zu schlie?en. Sie war wieder so unleidlich drauf wie am Anfang.

Mama legte in einer Art und Weise los, wie ich sie noch nie geh?rt hatte.
?Bl?de Sau ? halt?s Maul? und ?Hoit dei Pappn ? sonst kriagst a Watschn? (Halt Deinen Mund sonst bekommst Du eine Watsche) waren noch die harmloseren Ausf?lligkeiten. Ein Forscher f?r ein bayerisches Schimpfw?rterbuch h?tte seine wahre Freude gehabt.

Ich erwiderte Frau Holzapfel auf ihre Befehle, dass wir uns hier unterhalten wollten und das genauso das Zimmer meiner Mutter sei. Wenn ich den Eindruck gehabt h?tte, dass sie wirklich noch m?de ist und schlafen will, dann h?tte ich Mutti gefragt, ob wir nicht in die Fernsehecke gehen sollen. Aber mein Eindruck war nach wie vor, dass es ihr um das Herumkommandieren ging. Als sie mit ihren Befehlen nicht aufh?rte und schrie: ?das st?rt mich ? ich bin m?de?, sagt ich zu ihr: ?Sie st?ren meine Mutter sehr oft schon fr?hmorgens, wenn sie noch schlafen will?. So eine Reaktion ist zwar bescheuert, aber mich hat sie in diesem Augenblick entlastet.

Mama meinte dann: ?Jetzt sei still. Da steht jemand drau?en?. Wie ein Kind, das sich bei irgendwas nicht erwischen lassen will. Ich antwortete ihr: Was ich zu Frau Holzapfel sage, das kann jeder h?ren. Nach einiger Zeit kamen dann die beiden diensthabenden Pfleger. Klare Ansage von Fritz: ?Jetzt stehen Sie mal auf ? vorne gibt es Kaffee und Kuchen?. So schnell habe ich gar nicht geschaut, wie sie sa?.

Mama fragte dann: ?Wie lange darf die noch meine Intimsph?re st?ren??.

Wir unterhielten uns ?ber alles m?gliche. Das erste Mal seit l?ngerer Zeit klagte sie wieder ?ber Schmerzen. Das Wort ?Ellenbogengelenk? fiel ihr nicht ein. Sie sagte dann: ?In dem Gelenk, das ?ber dem Handgelenk ist?. Ellenbogengelenk? Ja, ich meine Ellenbogengelenk.

Ich bl?tterte ihr Heft durch. Auf die erste Seite hatte ich ihr auf ihren Wunsch vor drei Wochen geschrieben: Mama, du bist im Haus G. Die Mitarbeiter helfen dir. Du brauchst Dich um das Einkaufen und Essen machen nicht k?mmern. Das wird hier f?r dich gemacht.

Danach hatte sie immer wieder gefragt. An verschiedenen Stellen im Heft hatte sie mehrmals geschrieben: Ich habe Angst. Ihr l?ngster Eintrag:
?Haus G. Gehen mit mir auf das Klo. Alles regelt regelte Haus G.? Dann mit roter Tinte: ?Ich habe trotzdem Angst? und blau ?trotzdem Angst?.



Als ich sie nach ihrer Angst frage, sagt sie: ?Angst, dass Du nicht mehr kommst ? Angst vor Einsamkeit?.

Ich frage Pfleger Dieter, ob sie ihm gegen?ber von ihrer Angst redet. Ihn mag sie n?mlich zur Zeit am liebsten. Als er ins Zimmer gekommen war, meinte sie: ?Der Doktor ist ganz reizend. Der macht jeden Bl?dsinn mit.? Pfleger Dieter erz?hlte mir, dass sie sehr deutlich sagt, was sie mag und was nicht. Aber von Angst redet sie nicht. Zur Zeit haben sie einen t?rkischen Ein-Euro-Jobber, den sie ziemlich hin und her scheucht.

Sie fragte mich auch, ob es ?hier ein Telefon gibt?. Ja, im Wohnzimmer. ?Ich habe schon so was wie das Leuten von einem Telefon geh?rt, aber ich habe keines gesehen?. Kein Wunder: Es ist an der Wand befestigt und au?erdem ein Tastentelefon. Das kennt sie nicht. Als sie in Rente ging, waren Telefone mit W?hlscheibe g?ngig und auch ihr letztes hatte noch eine W?hlscheibe.
18.12.05 11:18
 



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