Alzheimer - und dann?

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Interessenkonflikte

6. Februar 2006

Das Heim, in dem Mama seit Juni letzten Jahres lebt, ist ein guter Platz ? ein Gl?cksfall, um den mich manche beneiden. Die Atmosph?re ist angenehm und sch?n. Die Details sind liebevoll gestaltet. Ich komme gerne in dieses Haus. Die Mitarbeiter sind freundlich, geduldig, kompetent und engagiert. Mama hat durch intensive F?rderung so Einiges wieder gelernt, was versch?ttet war durch den Aufenthalt in der Psychiatrie und die Psychopharmaka, mit denen sie zugeknallt war.

Der einzige Wermutstropfen ist Frau Holzapfel, mit der Mama seit Anfang August ein Zimmer teilt. Auch wenn sie originelle Seiten hat, so beklagt sich Mama immer wieder. Die Aussicht immer mit dieser Frau ein Zimmer teilen zu m?ssen, findet sie entsetzlich. Frau Holzapfel erinnert sie an ihre Mutter, mit der sie lebenslang eine schwierige Beziehung verband.

Von mir aus frage ich Mama bei meinen Besuchen nicht nach ihrer Zimmergenossin, kommentiere sie nicht, sondern gehe dann auf das Thema ein, wenn Mama selbst davon anf?ngt, und das ist oft der Fall.

Erstmals habe ich die Zimmerbelegung mit Stationspfleger Dieter Ende August angesprochen. Passiert ist nichts, weil Frau Holzapfel aus Sicht der Mitarbeiter ?viel ruhiger? geworden ist. Mein n?chster gr??erer Vorsto? war dann im November bei der Qualit?tsbeauftragten. Die schlug vor, dass Mama in ein anderes Stockwerk ziehen k?nne. Ich sah nicht ein, warum Mama umziehen soll und nicht Frau Holzapfel.

Inzwischen hat Mama gro?es Zutrauen zu Fritz, Dieter und Sema gefasst. In einer neuen Gruppe total neu anfangen? Au?erdem hat sie mit Herrn Ludwig Freundschaft geschlossen. Sie hat schon die meiste Belastung mit Frau Holzapfel abbekommen. Jetzt ist mal jemand anderer dran. Abgesehen davon sind in der anderen Gruppe nur Frauen und weibliche Pflegekr?fte. Das ist nichts f?r Mama!

Auch von den anderen Bewohnern haben einige sehr massiv auf Frau Holzapfel reagiert. Anfangs hie? es sogar, sie solle ein Einzelzimmer bekommen, weil sie so schwierig ist. Aber es war keines frei, und auf einmal war das Thema vom Tisch. Frau Holzapfel blieb weiterhin mit Mama im Zimmer, die sich dar?ber beklagte, wie lange diese Frau noch ihre Intimsph?re st?ren d?rfe.

In der Wohngruppe war einiges in den letzten Wochen im Flu?, weil zwei Neue aufgenommen wurden und Herr Ludwig innerhalb des Stockwerks umzog. Nur an Mamas Situation ?nderte sich nichts. Mich erstaunt auch, wie klar sie manche Situationen benennt und Vergleiche zieht. F?r das Heim ist es einfacher, wenn es so bleibt wie es ist, denn egal mit wem sie Frau Holzapfel ins Zimmer legen, die entsprechenden Angeh?rigen werden sich immer beschweren. Da schl?gt sich das Haus lieber mit mir herum ? vermute ich mal.

Vor einigen Tagen sprach ich mit der Pflegedienstleitung und habe deutlich gemacht, dass das kein Dauerzstand ist. Auch Mamas Hausarzt, der schon viele Jahre Frau Holzapfel behandelt, unterst?tzt mein Anliegen.

Vorgestern richteten mir die Mitarbeiter aus, dass Dieter so bald wie m?glich ? am besten am n?chsten Tag ? mit mir sprechen wolle. So bin ich am Sonntagvormittag ins Heim gefahren. Er war erstaunt, dass ich immer noch einen Wechsel will, denn ?es ist unser ruhigstes Zimmer, das wir im Moment haben?. Frau Holzapfel sei viel ruhiger geworden und werde wahrscheinlich ? krankheitsbedingt ? noch ruhiger. Ja, klar, manchmal h?tten die beiden Reibereien, aber Mama habe sich bei niemand von den Mitarbeitern beklagt. Es sei ein Platz im vierten Stock frei. Dorthin k?nnte Frau Holzapfel umziehen, aber er w?rde davon abraten.

Ich erz?hle ihm einige der Situationen, in denen Mama ?ber Frau Holzapfel geklagt hat. Ich finde, dass ein dementer Mensch, der immer mehr in seine Vergangenheit zur?ck geht, nicht dauernd mit einer Person konfrontiert sein sollte, die ihn an die schlimmsten Erlebnisse in dieser Phase erinnert (Misshandlungen mit der Hundepeitsche). Ich finde auch, dass jeder Mensch das Recht hat, jemand als Zimmergenossen abzulehnen, egal ob in einem Kinderheim, einer Behinderten-Wohngemeinschaft, auf der Kur oder w?hrend eines Schullandheimaufenthalts. Ich will die Gr?nde wissen, warum Dieter von diesem Schritt abr?t.

Sein Hauptargument ist, dass man nicht wei?, wer als n?chster aufgenommen wird und wie Mama mit dieser Person klarkommen wird. ?Sie wird ja hoffentlich nicht das dritte Mal in die Schei?e fassen? meine ich salopp und erinnere an die Zimmergenossin der ersten beiden Wochen: Eine hochgradig verwirrte Greisin, die im Bett sa? und ?ber Stunden mit hoher durchdringender Stimme einen immer gleichen Satz schrie.

?Doch? antwortete Dieter. Die Wahrscheinlichkeit sei schon sehr gro?, weil das Klientel immer schwieriger werde. Das sei schon verst?ndlich, denn wegen der hohen Heimkosten behalten die Leute ihre kranken Angeh?rigen so lange wie m?glich zu Hause.

Ich bin verunsichert und wei? nicht, was ich tun soll. F?r jemand anderen eine Entscheidung von so gro?er Tragweite zu treffen ist schwer. Man will nichts falsch machen und die Situation nicht versch?rfen durch jemand, der neu ins Zimmer kommt und ?schwieriger? ist.

Aber was ist f?r meine Mutter ?schwieriger? als eine Mitbewohnerin, die sie immer wieder an ihre Mutter erinnert und schlimme Erfahrungen gef?hlsm??ig reaktiviert? Auch wenn die Neue, von der noch niemand wei?, wie sie sein wird, ihre Macken und Eigenheiten hat, sind das andere Aspekte als eine misshandelnde Mutter sie hervorruft.

Dieter meint, wenn meine Mutter in Frau Holzapfel ihre Mutter sieht und sie so anspricht und beispielsweise Angst zeigt, dann w?re er sofort f?r einen Wechsel, ?denn Angst soll hier niemand haben?.

Und ist Dieters Rat frei von Eigeninteresse? F?r die Mitarbeiter ist es allemal schwieriger und mit mehr Arbeit verbunden, einen Eingew?hnungsproze? mit einer neuen Person zu starten und zu begleiten als mit Frau Holzapfel, mit der sie inzwischen einen Modus vivendi gefunden haben, weiterzumachen.

Und dass meine Mutter mit den Mitarbeitern nicht dar?ber spricht, warum sie ihre Zimmergenossin nicht mag, finde ich sehr verst?ndlich. Was in der Familie l?uft, das tr?gt man nicht nach au?en, war immer ihre Maxime.

Warum irritieren mich Dieters Einw?nde derartig? Bef?rchte ich, dass ich durch die Mehrarbeit, die die Mitarbeiter durch den Eingew?hnungsproze? einer neuen Person haben werden, ?rger auf Mutti und mich ziehe? F?rchte ich das gute Einvernehmen zu st?ren? Aber wenn es dadurch beeintr?chtigt w?rde, w?re es nicht gut gewesen.

Wie oft habe ich mich in den letzten Monaten ohnm?chtig und w?tend gef?hlt angesichts dieser belastenden Situation?

G?nter, mein Liebster, der einen guten Draht zu Mama hat, r?t von einer Ver?nderung ab. ?Ein gewisses Quantum an Meckern geh?rt bei ihr zum Leben?. Ja schon, aber dass jemand ?ber so eine Situation ?meckert?, verstehe ich. Au?erdem hat sie insgesamt in ihrem Leben nie so wenig gemeckert wie in den letzten Monaten.

Bis Dienstag mu? ich dem Heim meine Entscheidung mitteilen.


6.2.06 09:33
 



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