Alzheimer - und dann?

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Indirekte Aggressionen

9. März 2006

Ein Allgemeinkrankenhaus ist nicht auf die Behandlung von Demenzkranken und Pflegebedürftigen ausgestattet. Der ideale Patient kann selber auf die Toilette, kann selber essen und sich am Teewagen auf dem Flur mit Getränken versorgen. Außerdem kann der ideale Patient das Tastenfeld einer Fernbedienung bedienen, mit der man das Licht regelt, TV und Radio ein- und ausschaltet, die Lautstärke einstellt und den Notrufknopf drückt, wenn man eine Pflegeperson braucht. Das alles trifft auf meine Mutter nicht zu.

Sie weiß nicht, was sie im Krankenhaus soll, kann nicht einordnen, was um sie vorgeht und ist „schwierig“. Sie fragt immer das Gleiche, versteht nicht, dass sie im Zimmer nicht rauchen darf und warum ihre Schmerzen in der Schulter nicht besser werden und der Po dauernd weh tut. Sie ist so dünn, dass sie auf dem Knochen liegt, aber einen Ring, wie er im Heim zur Verfügung steht, hat das Krankenhaus nicht. Da könnte sie drauf sitzen oder liegen ohne dass es den Po belastet. Sie schimpft zeitweise wie ein Rohrspatz und will einfach da raus.

Bei der Visite fragt der Doktor, wie es ihr geht, und wartet ihre Antwort gar nicht ab. Gleich nachdem sie „scheiße geht es mir“ gesagt hat und dazu noch mehr zu sagen hätte, unterbricht er sie. Er will die Lunge abhören und fordert sie auf, sich auf die Bettkante zu setzen. Sie versteht nicht, was er genau will, und er ist nicht in der Lage, ihr Hilfestellung zu geben. Als sie dann schließlich sitzt, will sie ihm etwas sagen, aber er befiehlt immer nur, dass sie ruhig sein soll, weil er sie abhören will. Sie ist nicht ruhig und redet und redet. Er stellt fest, dass er sie eigentlich nicht abhören kann, weil sie redet, aber weil der Wert der weißen Blutkörperchen im grünen Bereich ist, will er sie morgen entlassen.

Ich bringe das Gespräch auf die Schmerzen in der linken Schulter, über die sie immer wieder klagt. Sie bekommt sowieso Schmerzmittel, weil sie chronische Schmerzpatientin ist, aber manchmal sind gerade dort die Schmerzen so stark, besonders bei kaltem und nassem Wetter, dass sie zusätzlich was braucht.

Er fragt: „Haben Sie kontinuierlich Schmerzen“.
Sie versteht nicht, was er meint und fragt zurück: „Ich kenne kein Ko-Tier. Was sind ko-tier Schmerzen“. Anscheinend hat sie das Wort nicht vollständig verstanden. In den letzten Tagen hört sie schwerer und muß manches wiederholt bekommen. Der Doktor reagiert nicht und ich sage: „Der Doktor will wissen, ob Du immer, oft, gelegentlich oder selten die Schmerzen in der Schulter hast.“ „Jetzt habe ich meistens Schmerzen in der Schulter“. Die erklärt der Doktor nachdem er den rechten und den linken Arm anheben ließ zum orthopädischen Problem. Dafür sei er nicht zuständig. Nächste Woche soll dann der Hausarzt tätig werden.

Nun deutet die Stationsschwester auf das Brett, das in 1,80 m Höhe hinter Mamas Bett verläuft und sagt zu mir mit vorwurfsvoller Stimme: „Da steht doch der Apfelsaft“. Ich bin perplex, denn dort hatte ich nicht geschaut. Als ich zu Mama ins Zimmer kam, hatte sie zwar Mineralwasserflaschen auf dem Nachttisch sowie Apfelsaft und Birnensaft, aber kein Trinkgefäß. Auch auf dem Tisch stand keines. „Ich bekomme ja gar nichts zu trinken hier und habe so Durst“. Ich ging ins Stationszimmer und sagte zu dem anwesenden Pfleger: „Meine Mutter braucht einen Becher. Sonst kann sie ja nicht trinken“. Seine Antwort: „Becher und Tassen können sich die Patienten auf dem Teewagen im Flur holen“. „Erstens kann meine Mutter so weit gar nicht laufen und selbst wenn sie so weit käme, wüsste sie am Teewagen vermutlich nicht mehr, warum sie dorthin unterwegs ist“. Inzwischen waren andere Pflegekräfte dazu gekommen, und ich füge hinzu: „Ich finde schon, dass Sie als Pflegekräfte bei einer Demenzkranken darauf schauen müssen, dass sie eine Tasse oder einen Becher für die Getränke hat und da auch rankommt“. (Durch das Bettgitter war der Nachttisch auch so weit entfernt, dass sie da gar nicht hinkommt). Eine Schwester meinte dann: „Ihre Mutter saß vorher am Tisch. Dann steht der Saft da.“ „Nein, sie hat weder am Tisch noch am Nachtisch einen Becher“.

Nun also eine halbe Stunde später belehrt mich die Stationsschwester, dass der Becher auf dem Brett ist und dass meine Mutter ihn da hingestellt haben müsse. Eben musste sie, die 1,58 m klein ist, wegen der Schmerzen die Arme hoch heben. Da war deutlich zu sehen, dass sie den rechten Arm mit Mühe fast auf Schulterhöhe bewegen kann und den linken nicht einmal soweit. Da ist ein Brett mit 1,80 m Höhe, vor dem noch ein Infusionsständer steht, den sie erst zur Seite schieben hätte müssen, unerreichbar.

Am Abend wird ihre Zimmergenossin als ich darüber eine Bemerkung mache, zu mir sagen: „Ich habe Sie heute Mittag kommen sehen als ich auf dem Weg zu meinen Untersuchungen war. Kurz vorher ist das Bett Ihrer Mutter frisch gemacht worden. Da hatte sie einen Becher mit Saft in der Hand. Den hat eine der Schwestern dann auf dem Brett abgestellt“.
9.3.06 01:15
 
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