Alzheimer - und dann?

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Entlassungsturbulenzen

10. März 2006

Der Krankentransport ist für 11.00 h bestellt. Deshalb komme ich eine halbe Stunde vorher. Mutti sitzt fertig angezogen am Tisch. Ich beginne ihre Sachen in die Reisetasche einzupacken. Sie kommentiert: „Wir haben Arbeitsteilung. Das ist sehr praktisch für mich. Du machst die Arbeit, und ich bin für die Teilung zuständig.“

Etwas später kommt eine jüngere Krankenschwester und bezieht mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit Muttis Bett für die nächste Patientin. Dazu meint Mama: „Ich habe noch nie in meinem Leben jemand so schnell ein Bett machen sehen. Aber ich kann noch schneller schauen.“

Wir unterhalten uns mit Mamas Zimmergenossin Frau Meyer. Sie hat in den letzten drei Tagen eine unglaubliche Wandlung durchgemacht. Anfangs begegnete sie Mutti mit großer Distanz und einer Mischung aus Beklemmung und Verunsicherung. Sie redete immer nur mit den Schwestern und mir über Mutti. Bis jetzt hat sie – wie sie mir erzählte – noch nie etwas mit Alzheimer zu tun gehabt. Nun spricht sie Mama direkt an. Wir unterhalten uns über die Stadtviertel, in denen wir wohnen. Frau Meyer sagt: „Ich wohne in Tiergarten“. „Was“ meint Mama ganz entsetzt „bei den Affen“. Wir brechen in schallendes Gelächter aus. Mama weiß nicht, warum wir lachen und Frau Meyer weiß nicht, wie Mama auf Affen kommt. Ich erkläre Frau Meyer, dass man in Bayern nicht sagt: „Ich gehe in den Zoo“, sondern „Ich gehe in den Tierpark“ oder „in den Tiergarten“. Zu Mama sage ich: „Die Frau Meyer wohnt nicht bei den Affen. Der Stadtteil heißt „Tiergarten“. „Ach so“ sagt sie und ist zufrieden.

Einige Minuten später kommt die neue Patientin. Eine ältere Berlinerin mit flottem Mundwerk. Ein junger Arzt macht erste Untersuchungen und geht mal auf die eine und mal auf die andere Seite des Bettes. Mama beobachtet das mit sichtbarer Missbilligung: „Da schau, wie der Doktor um die alte Scharteken herumscharwenzelt“. Mama, der Doktor macht Untersuchungen. „Und warum untersucht er nur die und nicht mich?“. Mama, Du wirst jetzt entlassen. Wir warten nur noch auf das Auto.

Inzwischen ist es 12.00 Uhr. Mama sagt, dass sie aufs Klo muß. Der Weg auf die Toilette ist zu weit. Eine Schwester bringt einen Toilettenstuhl. Es ist eh schon beengt: Die beiden Patientinnen, der Arzt, Mama und ich. Die Schwester – es ist die, die mich gestern wegen des Apfelsafts gemaßregelt hat – stellt den Toilettenstuhl zwischen die beiden belegten Betten. Eine Abschirmungswand gibt es zwar, aber der Toilettenstuhl steht so, dass man sie nicht vorziehen kann. Ich bin fassungslos und kann gar nicht reagieren.

Ich empfinde die Situation als grässlich, halte Mama die Hand und streichle ihr über die Haare. Mama ist es sehr unangenehm. Oder denke ich mir das nur, weil ich es so fürchterlich unwürdig empfinde? Ich würde ihr diese Situation gern ersparen und kann nichts tun. Meine Ohnmacht kotzt mich an. Mama sagt: „Ich will nicht mehr leben. So will ich nicht mehr leben.“ Und dann beginnt sie ihre Ausscheidungsvorgänge im Detail lautstark und mit ziemlich ordinären Ausdrücken zu kommentieren. Es hat etwas Aggressives und in ihrer Stimme meine ich Häme zu hören.

Sie schaut mich an wie ein Kind im Kindergartenalter, das Fäkalausrücke verwendet hat und nun guckt, wie die Eltern reagieren. So als ob sie erwartet, dass ich sage: „Solche Wörter sagt man doch nicht.“ Und genau jetzt stehen noch die beiden Männer vom Krankentransport im Zimmer. Wir bringen die Klo-Situation irgendwie zuende. Dann sind wir unterwegs zum Fahrstuhl. Als sie mich aus ihrem Gesichtsfeld verliert, beginnt sie panisch zu schreien. Eigentlich wollten mich die Krankentransportfahrer nicht mitnehmen, aber sie merken schnell, dass meine Einwände berechtigt waren.

Ich sitze Mama gegenüber und sie beruhigt sich schnell. Der eine Mitarbeiter sitzt zwischen uns beiden und sagt: „Sie haben zwei Tage nach mir Geburtstag. Da sind sie auch Schütze.“ Die beiden unterhalten sich über ihr Sternzeichen. Mama erkundigt sich, wie viele Menschen an einem Tag transportiert werden. Dann will sie wissen: „Wie machen Sie das eigentlich, dass Ihre Arbeitskleidung so blendend weiß ist“. Ich komme mir vor wie in der Waschmittelwerbung. „Fleckenentferner“ meint er „Waschmittel allein reicht nicht.“

Inzwischen sind wir im Heim angekommen. Es ist kurz vor Schichtwechsel. Dieter schaut sich den Arztbrief an und fragt mich nach Antibiotika. Der Krankenhausarzt hat zwar verordnet, dass noch zwei Tage Antibiotikum gegeben werden muß, hat aber nichts mitgegeben. Es ist zu spät, um einen Hausarzt zu erreichen, der es verschreiben könnte. Da es sich um ein ausgefallenes Präparat handelt, ist es im Heim nicht vorrätig. Was tun jetzt? Ich biete an, dass ich es im Krankenhaus holen würde. Dieter klärt mit dem Stationsarzt die Situation und ich mache mich auf den Weg.

Interessant war, dass Mama ab dem Zeitpunkt, an dem wir im Auto saßen, wieder normale Zimmerlautstärke verstand. Vorher mussten alle sehr viel lauter mit ihr reden. Vielleicht war das ihre Art, sich teilweise aus dieser Krankenhauswelt zurückzuziehen? Ich jedenfalls bin dünnhäutig und fühle mich nach diesen Krankenhaustagen erschossen wie schon lange nicht mehr.
10.3.06 08:41
 



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