Alzheimer - und dann?

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Seht mich an!

Seit einiger Zeit geistert die Anfangspassage des folgenden Gedichts durch Klein-Bloggersdorf. Es wurde bei einer alten Frau nach deren Tod gefunden, die viele Jahre in einem schottischen Pflegeheim lebte und als „desorientiert“ (Alzheimer / Demenz) galt. Ihren Namen kennen wir nicht. Im englischen Orginal reimt sich der Text. Hier nun das vollständige Gedicht:

„Denkt ihr, wenn ihr mich anschaut:
Eine mürrische, alte Frau, die nicht besonders schnell,
verunsichert in ihren Gewohnheiten, mit abweisendem Blick,
die ständig beim Essen kleckert, die nicht antwortet
wenn ihr mit ihr meckert, weil sie wieder nicht pünktlich fertig wird.

Die nicht so aussieht als würde sie merken, was man mit ihr macht, und ständig den Stock fallen lässt und nicht sieht, wo sie geht, die willenlos alles mit sich machen lässt: “Füttern, waschen und alles was dazugehört”.
Denkt ihr den so von mir, Schwestern, wenn ihr mich seht, sagt?

Öffnet die Augen, Schwestern! Und schaut mich genauer an!
Soll ich euch erzählen, wer ich bin, die hier so still sitzt, die macht, was ihr möchtet, und isst und trinkt, wann e euch passt?

Ich bin ein zehnjähriges Mädchen mit einem Vater und einer mutter, die mich lieben: und meinen Bruder und meiner Schwester.
Ein sechzehnjähriges Mädchen, schlank und hübsch, die davon träumt, bald einen Mann zu begegnen.
Eine Braut, fast zwanzig, mein Herz schlägt schneller beim Gedanken um die Versprechungen, die ich gegeben und gehalten habe.
Mit fünfundzwanzig: noch habe ich eigene Kleine, die mich zu Hause brauchen!
Eine Frau mit dreißig, meine Kinder wchsen schnell und helfen einander.
Mit vierzig, sie sind alle erwachsen und ziehen aus.
Mein Mann ist noch da und die Freude nicht zuende.
Mit fünfzig kommen die Enkel und erfüllen meine Tage,
wieder haben wir Kinder – mein Geliebter und ich.
Dunkle Tage kommen über mich – mein Mann ist tot!
Ich gehe in eine Zukunft voller Einsamkeit und Not.
Die Menschen haben mit sich genug zu tun, aber die Erinnerung von Jahren und die Liebe bleiben mein.

Die Natur ist grausam, wenn man alt und krumm ist, und man wirkt etwas verrückt.
Nun bin ich eine alte Frau, die ihre Kräfte dahinsiechen sieht du deren Charme verschwindet. Aber in diesem Körper wohnt immer noch ein junges Mädchen, ab und zu wird mein mitgenommenes Herz erfüllt.

Ich erinnere mich an meine Freunde, ich erinnere mich an meine Schmerzen und ich liebe und lebe mein Leben noch einmal, das allzu schnell an mir vorübergezogen ist, und akzeptiere auch kühle Fakten, dass nichts bestehen kann!
Wenn ihr eure Augen, - ja Augen aufmacht, Schwestern!
So seht ihr nicht nur eine mürrische alte Frau.
Kommt näher! Seht mich!“
19.4.06 08:00
 



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