Alzheimer - und dann?

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Rollenwechsel: Ach, der Herr Pfarrer ...

5. April 2010

... freut sich Mama in letzter Zeit immer wieder, wenn mein Freund mitkommt oder sie alleine ohne mich besucht, obwohl er überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Pfarrer hat, an dessen Gottesdiensten sie gern teilnimmt. Vor vierzig Jahren hatte sie mal einen positiven Kontakt mit einem evangelischen Pfarrer, der sah aber völlig anders aus. Ansonsten hat sie in ihrem Erwachsenenleben die kirchlichen Erfahrungen ihrer katholischen Kindheit, der Klosterschule und eines katholischen Internates hinter sich gelassen, denn da spielte die Hölle eine zentrale Rolle. In die kommt man, wenn man eine "Todsünde" begangen hat. So hat sie es gelernt und so wurde es auch vielen anderen vermittelt. Und Todsünde war beispielsweise, wenn man der "Sonntagspflicht" nicht genüge getan hat. "Sonntagspflicht" hieß in katholischen Kreisen vor einigen Jahrzehnten die verpflichtende Teilnahme an der Sonntagsmesse. Auch wenn man vor dem Empfang der heiligen Kommunion etwas gegessen hat, dann war das Todsünde. Todsünde war aber auch, wenn man als Katholik eine evangelische Kirche betreten hat.

Ich erinnere mich an ein Praktikum während meines Studiums in einer Beratungsstelle. Eine katholische ältere Frau war völlig verzweifelt, weil sie am Karfreitag - der nach katholischem Verständnis ein Fastentag ist - beim Zähneputzen versehentlich einen Schluck Wasser verschluckt hatte. Sie sah nun die "Feuer der ewigen Verdammnis" - so nannte sie das - auf sich zukommen. Ihr halfen Gespräche mit einem verständnisvollen Priester, den ich ihr vermitteln konnte.

Wenn in den letzten Wochen in den Medien viel über Mißbrauch in der katholischen Kirche die Rede ist, so gehören meiner Meinung nach auch solche Erfahrungen dazu. Zwar ist das kein sexueller Mißbrauch, aber ich würde es als "spirituellen Mißbrauch" bezeichnen. Und auch der ist schlimm, denn meiner Meinung nach sind Sexualität und Spiritualität die Lebensbereiche, in denen wir Menschen am verletzbarsten sind.

Einen Ausweg gab es aus der Todsünde: Die persönliche Beichte bei einem katholischen Priester. Im Religionsunterricht wurde auswendig gelernt und es wurden Horrorszenarien gemalt: "Wer hat letzten Sonntag nicht seiner Sonntagspflicht genügt? Der muß so schnell wie möglich zur Beichte gehen. Denn stellt Euch vor, wenn ihr auf dem Weg von der Schule nach Hause einen Unfall habt und sterbt und eine Todsünde habt, die ihr nicht gebeichtet habt, dann kommt ihr in die Hölle." Diesen Gott hat Mama in ihrem Erwachsenenleben also hinter sich gelassen und nur an etwas geglaubt, was sie "ausgleichende Gerechtigkeit" genannt hat, und was ich - ehrlich gesagt - nicht verstanden habe.

In Mamas Pflegedokumentation der letzten Wochen steht vom Nachtdienst-Mitarbeiter mehrmals der Eintrag: "Bewohnerin verlangt nach Pfarrer".

So ist also mein Freund, klassisch evangelisch aufgewachsen, nicht allzuviel mit Kirche am Hut und in völlig anderen Bereichen beruflich tätig, immer wieder der "Herr Pfarrer". Er verabschiedet sich dann nach einer Viertelstunde, weil ja auch "andere auf mich warten", dreht eine Runde im Garten. Wenn er dann wieder kommt, erkennt sie ihn und spricht ihn mit seinem realen Namen an.

Vor zwei Jahren hatte sie mit ihm - als meinem Freund - da war er nicht der "Herr Pfarrer" einige Gespräche über ihre Ängste vor der Hölle. Er sagte ihr, dass wir alle in unserem Leben Dinge falsch machen. Wenn ihr solche Dinge einfallen, die ihr leidtun, dann soll sie einfach Gott sagen, dass ihr das leid tut.

Und das reicht? fragte Mama.
Ja, das reicht, meinte mein Freund.

Das hat ihr anscheinend geholfen, denn Angst vor der Hölle war seitdem kein Thema mehr. Und sie lebt bei ihm bestimmte Bedürfnisse aus.

Als er bei einem gemeinsamen Besuch sich als "Herr Pfarrer" verabschiedet hat, frage ich:

Den Herrn Pfarrer, den magst Du gern, gell?
Ja, der hat so viel Verständnis und strahlt so viel Geborgenheit aus.

Nun sei es denn so.
5.4.10 22:51
 



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