Alzheimer - und dann?

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Gedanken zu Frau Woodtli

10. Februar 2007

Letzte Woche wurde wieder einmal die Dokumentation Frau Woodtli ausgestrahlt.

Markus Woodtli hat einige Jahre als Sozialarbeiter bei "Ärzte ohne Grenzen" in Thailand Gesundheitsprojekte aufgebaut und betreut. Als seine Mutter Alzheimer bekam, entschloß er sich nach Thailand auszuwandern, weil er dort eine bessere Betreuungsform für seine Mutter gewährleisten konnte als in einem Schweizer Pflegeheim. Drei Einheimische betreuten rund um die Uhr seine Mutter.

Später hat er dieses Betreuungsangebot erweitert und für andere geöffnet. Heute bietet er sowohl Urlaub für an Demenz Erkrankte als auch deren Angehörige an und auch längerfristige Betreuungsangebote.

Inge S., die gelegentlich hier kommentiert, hatte ich gefragt, wie sie als Lehrerin für Pflegeberufe diese Dokumentation einschätzt. Da myblog letzte Woche zeitweise nicht erreichbar war, schickte sie mir ihre Gedanken als eMail. Da ich diese zu schade finde, um innerhalb der Kommentare unterzugehen, stelle ich sie hier ein:

Vor einigen Tagen habe ich mir die Dokumentation angesehen. Einige Aspekte berührten mich positiv, andere dagegen extrem negativ.

Der Gedanke, dass für eine Alzheimerkranke der Ort keine so wichtige Rolle mehr spielt, erscheint mir plausibel und Frau Woodtli schien auf den Umzug keineswegs negativ zu reagieren. Wesentlicher sind die emotionalen Kontakte, die in der Form wie bei Frau Woodtli in Thailand hierzulande in einem Heim mit Sicherheit nicht geboten werden (können). Noch bevor sich Martin Woodtli zu der Sprachbarriere zwischen den Pflegerinnen und seiner Mutter äußerte, hatte ich den Gedanken, dass es in der Tat günstig(er) sein könnte, sich sprachlich nicht austauschen zu könnnen bzw. zu müssen. Demenzkranke reagieren wesentlich einfacher, treffsicherer und kompetenter auf der emotionalen Ebene und sind genau dort auch gut anzusprechen, das heißt zu erreichen. Wie um diesen Gedanken zu bestätigen, quälte Martin Woodtli mit der Bürde der Fähigkeit zum verbalen Austausch seine Mutter ausdauernd und wiederholt mit Fragen zur Vergangenheit, zu Menschen, die Frau Woodtli vergessen hatte und zu Orten, die ihr nichts mehr sagten. Ich konnte es fast körperlich spüren, wie Frau Woodtli angestrengt nach Formulierungen suchte, die sie nicht in ihrem Vergessen vor dem "fremden Frager" bloß stellten.

Die Pflegerin war gerade wegen der Sprachbarriere ausschließlich dazu in der Lage, mit Frau Woodtli in der Gegenwart zu kommunizieren, so dass die Krankheit des Vergessens für Frau Woodtli überhaupt keine Rolle in der Beziehung zwischen den beiden Frauen spielte.

Der Preis von 92,- Franken pro Tag für einen Pflegeplatz bei Herrn Woodtli in Thailand erschließt sich mir nicht so ganz, aber es wurde nicht erläutert, welche Leistungen
evtl. außerhalb des Wohn-, Verpflegungs- und Pflegebereichs mit beinhaltet sind.

Ein Punkt, der mir sehr negativ aufgefallen ist. Als Frau Woodtli anfing, körperlich zu schwächeln, sich auszuklinken, die Augen zu schließen und in eine andere Welt abzudriften, wurde sie wiederholt sehr gedrängt, wieder in diese Welt zurückzukommen, an den geplanten Veranstaltungen (Besuch im Elefantenpark) teilzunehmen, da die Mitbewohnerin und der Mitbewohner schon warteten. Sie unterlag - wie in jedem Altenheim hierzulande auch - dem Druck, sich einzuordnen, die geplanten Aktionen nicht zu blockieren, sich selbst zu zwingen. Da geht natürlich der Gedanke der absoluten Individualität und Exklusivität schnell verloren. Wenn jeder Bewohner drei Pflegerinnen hat, warum konnte Frau Woodtli nicht auf ihrer Bank sitzen bleiben und in ihre eigene Welt abtauchen? Gab es da schon personelle Einsparungen und gab es nur noch zwei Pflegerinnen für die drei Bewohnerinnen? (Ich sah jedenfalls bei dem Ausflug zu den Elefanten nur zwei).

Sehr erschreckt hat mich der letzte Teil, in dem der Tod der Mutter beschrieben wurde. Wer hat die Entscheidung getroffen, der Mutter keine Flüssigkeit mehr zu geben? Wer hat
entschieden, keine Nahrung mehr zu verabreichen? Hatte sich die Mutter zu diesen Dingen in gesunden Zeiten dereinst geäußert? Wie fühlt es sich an zu verdursten? Wer hat das
Recht, eine solche Entscheidung zu treffen? Wie ist die Rechtssituation für Menschen, die sich für 92,- Franken pro Tag in Martin Woodtlis Obhut begeben?

Andererseits: Wie viele Alte verhungern unbemerkt in ihrer Familie? Wie viele verhungern zwar bemerkt aber ignoriert in Altenheimen? Eine Studie des MDS im Jahr 2005 ergab, dass
in Altenheimen 25 - 60% der Bewohner mangelernährt sind. In Krankenhäusern werden alte Menschen ab dem Tag ihrer Aufnahme in bis zu 75% der Fälle mangelernährt, insgesamt im
Zustand der manifesten Mangelernährung sind durchschnittlich 35 - 65% der Krankenhauspatienten. Diese Zahlen sind dem MDS, also auch den MDKs und den Krankenkassen bekannt, aber wieviele Kontrollen gibt es in Altenheimen und Krankenhäusern, die sich auf den Ernährungszustand der Patienten / Bewohner konzentrieren? Die wesentlichere Frage ist wohl die, ob der Zustand der Mangelernährung für die Einstufung relevant ist oder nicht. Sprich: Es wird registriert aber nicht hinterfragt.

Ein Blick auf die Pflegenden: Welche Qualifikation haben die Pflegerinnen? Wie werden sie emotional begleitet? Welche soziale Absicherung haben sie neben den 250,- Euro(Franken ?) im Monat? Die Trauer der Pflegerin von Frau Woodtli war sicher tief und ehrlich, aber möglicherweise auch von der Sorge begleitet, dass sie - wenn keine neue Patientin eingeflogen wird - keinen Verdienst mehr haben wird.

Herrn Woodtli als Sozialarbeiter unterstelle ich einerseits einen professionellen Umgang mit abhängigen Menschen, andererseits halte ich ihm zugute, dass er natürlich als Sohn
"zu nah dran" ist. Dennoch: Flüssigkeit mit einer Spritze zu verabreichen ist im Umgang mit hilflosen Menschen schon grenzwertig, insbesondere, wenn man bedenkt, wie hoch der
Druck des Flüssigkeitsstrahls mit einer 20ml Spritze sein kann, wenn man ordentlich draufdrückt (wie im Film zu beobachten). Bei entsprechendem Druck und ein bisschen Pech kann man mit dem Flüssigkeitsstrahl Zahnfleischbluten auslösen. Nach 30 Jahren Pflegeerfahrung weiß ich, dass es nahezu keinen Fall gibt, in dem man zur Spritze greifen muss. Und wenn man es tut, dann nur mit Einverständnis des Betroffenen (was ich bei einem Alzheimerkranken nicht erwarten kann) und mit der gebotenen Vorsicht. Alles andere fällt für mich unter den Oberbegriff Gewalt.

Mein Fazit aus dieser Dokumentation: Es SCHEINT eine wunderbare Möglichkeit zu sein, Menschen mit Alzheimer oder allgemein im Alter liebevoll versorgen zu lassen und ihnen ein
würdigeres Leben zu ermöglichen, als sie es vielleicht in der Schweiz (resp. in Deutschland oder Österreich) hätten. Aber man sollte sich folgende Punkte einmal vor
Augen führen:

1. Kann man ein Pflegemodell auf der Mentalität, die man bei anderen vermutet, aufbauen? (Die Thais haben eine andere Mentalität als wir hier im Westen. Sie ehren die Alten noch. Und ähnliche Aussagen im Film.)

2. Kann man wirtschaftlich arbeiten, wenn man ein solches Projekt aufbaut? Was sagt mir in dem Zusammenhang der Begriff "Gewinnmaximierung"? Wo bleibt das Geld für die
eingesparte Pflegerin, die es dann verunmöglichte, dass Frau Woodtli zu Hause auf ihrer Bank sitzen bleiben konnte?

3. Ist es möglich ohne qualifiziertes Personal hochgradig kranke Menschen so zu betreuen, dass sie tatsächlich ein würdiges Leben haben? Ist es nicht so, dass Menschen ohne
ausreichende Qualifikation und ohne die Fähigkeit, Probleme bei den Patienten anzusprechen (falls diese sich noch äußern können), dazu neigen, IHRE Vorstellung von dem, was gut für die Patienten ist, durchzusetzen? (Wann lasse ich Trägheit des
Patienten zu? Wann muss ich aktivierend eingreifen? Wie stark darf ich aktivierend eingreifen? Wie erkenne ich den Unterschied zwischen Stimmungsbedingter Trägheit und
körperlicher Schwäche? Wäre Frau Woodtli der Herzinfarkt erspart geblieben, wenn sie hätte ausruhen können, statt ins Elefantengehege getrieben zu werden?)


Soweit Inge S. Vielleicht hat noch jemand von den Mitlesenden Lust, sich in die Diskussion einzuklinken.

Mir ist zum finanziellen Aspekt aufgefallen, daß jede der drei Pflegekräfte, die abwechselnd für eine Person zur Verfügung stehen, 250 Euro pro Monat bekommt. Der Aufenthalt kostet für Langzeitgäste pro Tag 92 Euro. Das macht pro Monat (30 Tage) 2760 Euro. Aus der Internetseite von Herrn Woodtli geht hervor, daß damit die Kosten von den Pflegekräften, die Unterkunft sowie ein reichhaltiges Frühstück abgedeckt sind. Die anderen Mahlzeiten sowie sonstige Unternehmungen werden extra berechnet.

Interessant wäre auch zu wissen, ob es ein Sozialversicherungsabkommen zwischen Thailand und der BRD bzw. Österreich und der Schweiz gibt. Wie läuft das mit den Medikamenten, mit der ärztlichen Versorgung und den Kosten für Krankenhausaufenthalte?

Die Internetseite über "begleitete Ferien und Langzeitaufenthalte in Nordthailand - ein Angebot für
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen" ist hier.
10.2.07 19:40
 



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