Alzheimer - und dann?

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Scham-Empfinden

11. August 2005

Meine Mutter ? fast 80 Jahre alt ? ist in einem konservativen Milieu aufgewachsen. Dort hat man sich niemandem nackt gezeigt. Im Lyceum (heute Gymnasium) war sie f?r einige Zeit in einem Internat. Etwa 12 M?dchen waren in einem Schlafsaal untergebracht, an dessen Wand sich einige Waschbecken befanden. Eines hatte einen Vorhang, den man zuziehen konnte. Nur dort durfte man sich ?unten rum? waschen. Wenn die 10 bis 11j?hrigen M?dchen Schwimmen oder Turnen hatten, musste das Umziehen so bewerkstelligt werden, dass vom K?rper nichts sichtbar wurde.

In unserem Familienleben gingen Mama und Papa recht locker mit Nacktheit um. Badem?ntel hatten wir nicht. Da ging man nackt vom Bad ins Zimmer um sich Unterw?sche zu holen wenn man das vergessen hatte.

Jetzt ist Mama in diesem Bereich wieder in ihrer Kindheit angekommen. Sie mag nicht mehr, dass ich sie nackt sehe oder zur Toilette bringe, die sie ohne Hilfe nicht mehr findet. Das soll eine weibliche Pflegeperson machen. Als Kind war sie zwei Mal im Krankenhaus. Von daher ist das dann f?r sie akzeptabel.

11.8.05 23:06


Eine Seefahrt, die ist ...

10. August 2005

Mamas Wohngruppe hat eine Dampferfahrt unternommen. Pfleger F hatt mich vor zwei Wochen gefragt, ob ich mitkommen m?chte. Leider war das Wetter etwas tr?b. Am Tegeler See fand ich die Gruppe im Bauch der Havelqueen . um drei Tische sitzend. Jeder Bewohner hatte eine Begleitperson. Das war m?glich, weil Mitarbeiter von anderen Gruppen mitkamen.

Nachdem wir den Tegeler See verlassen hatten und ein St?ck die Havel entlang geglitten waren, gab es wahlweise Kaffee und Kuchen oder bulette mit Kartoffelsalat. Als Mutti ihren Kuchen gefuttert hatte und auch die anderen Teller geleert waren, fragte sie, ob sie noch eine Bulette mit Kartoffelsalat haben k?nne. Mich hat gewundert, dass sie das Wort ?Bulette? verwendet hat, denn das kent sie erst seit Berli. In Bayern isst man ?Fleischpflanzl?. Und mit einem neuen Wort habe ich nicht gerechnet.

Herr R., der kaum mehr spricht, hat den Ausflug sehr genossen. Bei der R?ckfahrt auf dem Bahnsteig las er ? zwar verwaschen, aber doch verst?ndlich ? einige Ortsnamen vom Zugzielanzeiger ab.

Frau H. w?hnte sich auf dem Betriebsausflug von ihrer Firma. Sie fragte mich alle paar Minuten nach der Uhrzeit und bewunderte meinen Pullover, weil sie ihn f?r selbst gestrickt hielt und bedauerte immer wieder, dass dieses Jahr kein richtiger Sommer sei ? erst zwei Tage Sonne. Sie pflaumte Frau P. an, weil die ihren Kuchen mit den Fingern a?: ?Das macht man nicht ? pfui? war ihr Kommentar. Einige Minuten sp?ter bekam sie ihre Bulette, die sie in kleine St?ckchen schnitt. Die nahm sie dann mit den Fingern. Als eine Mitarbeiterin sie darauf ansprach, dass sie jetzt auch mit den Fingern essen w?rde, putzte sie die lautstark herunter: ?Das geht sie gar nichts an wie ich esse. Einen nassen Staub geht Sie das an! K?mmern Sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten?.

Und MuttI? Die lies den Ausflug ?ber sich ergehen. Sie war m?de und wollte wissen, wann sie sich hinlegen k?nnte. Wenn ich ihr was zeigte, dann schaute sie kurz raus. Immer wieder wollte sie wissen, ?ob mit dem Geld alles in Ordnung? sei. Au?erdem machte sie sich Sorgen, was denn sei, wenn sie bald aufs Klo m?sse.

Als wir den Dampfer verlassen hatten, kamen bei ihr auf dem Heimweg ganz tiefe ?ngste hoch. R., eine Mitarbeiterin von einer anderen Gruppe, schob sie im Rollstuhl und ich ging nebenher. Sie hatte Angst, dass sie ?ausgesetzt? wird und nicht wei?, wo sie dann hin mu? und wie sie dort hin kommt. ?Was soll nur aus mir werden. Ich wei? nicht, wie das weitergehen soll mit mir. Ich habe so Angst?.

F?r mich war der Ausflug ein Wechselbad der Gef?hle ? eine Art emotionaler Achterbahn. In so einer Alltagssituation au?erhalb des Heims, wo die Abl?ufe nicht auf die Demenzkranken abgestimmt sind, sind die Ver?nderungen noch viel deutlicher sichtbar, besonders wenn dann auf halber Strecke viele alte Menschen im gleichen Alter einsteigen, die -mehr oder weniger - gesund sind. Beeindruckt war ich von der Geduld, dem liebevollen Umgang und dem Engagement der Mitarbeiterinnen. Ich finde es toll, welchen Einsatz sie daf?r bringen, den alten Menschen diese anderen Anregungen zu erm?glichen. Aber ich wei? nicht, ob es f?r Mutti nicht besser gewesen w?re, wenn sie in ihrer gewohnten Umgebung geblieben w?re.
10.8.05 01:05


Zu Hause in guten Händen: Diakonie

8. August 2005

Seit Dezember 2004 wurde meine Mutter vom ambulanten Pflegedienst der n?chstgelegenen evangelischen Kirchengemeinde betreut. Neben der Versorgung ihres offenen Beines und der Medikamentengabe sollte das Fr?hst?ck f?r sie zubereitet werden. Ein Zivildienstleistender sollte einmal w?chentlich Lebensmittel einkaufen und nach Absprache andere hauswirtschaftliche T?tigkeiten ?bernehmen.

Am 21. April verst?ndigt mich die Sozialarbeiterin des geronto-psychiatrischen Dienstes, dass es meiner Mutter sehr schlecht ginge. Der K?hlschrank sei leer gewesen. Sie habe gerade einige Scheiben Wurst, K?se, eine Packung Kartoffelsalat, Wiener W?rstchen und einen Liter Milch besorgt.

Drei Tage sp?ter am Sonntagmorgen ruft mich die Notaufnahme eines Allgemeinkrankenhauses an. Ich erfahre, dass meine Mutter eingeliefert worden sei wegen ihres schlechten Allgemeinzustandes (Austrocknung und starke Gewichtsabnahme). Sie hat sich auf den Balkon gestellt und um Hilfe gerufen. Auf meine Bitte f?hrt der Stationsarzt eine Alzheimer-Diagnostik durch.

Eine Woche sp?ter komme ich nach M. um Mama abzuholen. Als ich in der Klinik ankomme, wird mir mitgeteilt, sie sei am Vormittag verlegt worden. Als ich in ihre Wohnung komme, bin ich ersch?ttert, fassungslos und w?tend:




Der K?hlschrank ist leer ? abgesehen von den Resten der Lebensmittel, die die Sozialarbeiterin eingekauft hatte sowie einigen Verbrauchsmaterialien wie Essig, ?l, Senf ? Auch im Vorratsschrank, der immer gut gef?llt war, ist kaum noch etwas. Meiner Mutter war es immer wichtig, viele Vorr?te zu haben. Sechs bis acht Kilo Zucker war ihr normaler Standard. F?r sie war es eine Horrorvorstellung von Kriegszeiten her keinen kaffee und keinen Zucker zu haben. Nun sind gerade noch ein paar L?ffel Zucker da.

Da sie die Wohnung nicht verlassen konnte, konnte sie auch den M?ll nicht wegbringen. Ich finde zwei gro?e gef?llte M?llbeutel mit leeren Obstkonservendosen ? sonst nichts. Sie mu? sich die letzten Tage bevor sie ins Krankenhaus kam von Dosenobst ern?hrt haben. Der ambulante Pflegedienst war engagiert worden f?r pflegerische und hauswirtschaftliche Dienstleistungen. Ich denke an meine Bekannte Eva, die als Sozialarbeiterin ?ltere Menschen in einem Seniorenheim betreut und fr?her in der offenen Sozialberatung t?tig war. Sie hatte zu mir gesagt: ?Ambulante Pflege funktioniert meiner Erfahrung nur dann, wenn Angeh?rige da sind, die das ?berwachen?. Wie wahr!

Wenn meine Mutter die Pflege- und Hauswirtschaftskr?fte nicht einl?sst ? m?glicherweise hat sie sie nicht mehr erkannt ? warum werde ich dann nicht verst?ndigt? Als der Pflegedienst n?mlich ?vergebliche Hausbesuche? abrechnen will, geht die Zweitschrift der Rechnung ? weil meine Mutter ja im Krankenhaus ist ? an meine Anschrift. Der Nachname meiner Mutter ist im Anschriftenfeld falsch geschrieben. Mit diesem falsch geschriebenen Namen ist eines der beiden Formulare unter der Rubrik ?ich best?tige die nachgewiesenen Leistungen? abgezeichnet. Ich erkenne die Unterschrift nicht als die meiner Mutter.

Im Briefkopf der Diakoniestation befindet sich das Signet der Diakonie mit dem Schriftzug: ?Zu Hause in guten H?nden?.




8.8.05 01:56


Gedächtnis ... wie ein Sieb

7. August 2005

Diese Redewendung ? lange vergessen ? fiel mir bei meinem letzten Besuch bei Mutti wieder ein. Sie hatte eine Karte von Frau R., einer Sozialarbeiterin, die sie drei Jahre besucht hat, bekommen. Zusammen haben wir die Karte gelesen und meinen ?Brief?, eine Art Fotobrief. Ich drucke ein oder mehrere Fotos aus meinem alltag aus ? im Zeitalter von Digitalkamera und Farbdrucker kein Problem.

Zu diesen Fotos schreibe ich dann kurze Kommentare. Auf diese Weise lasse ich sie an meinem Alltag teilhaben. Sie bekommt Post an manchen Tagen, an denen ich nicht komme. Ich hoffe, dass sie das leichter und lieber liest als l?ngere Texte.

Die Karte und die erste H?lfte meines Briefes las sie langsam und stockend, so wie ein Grundschulkind, das mit dem Lesen noch nicht vertraut ist. Bei den letzten Zeilen meinte sie: Lies du den Rest. Die Buchstaben ?w? und ?m? konnte sie nicht mehr unterscheiden, wobei bei mir diese beiden Buchstaben handschriftlich sehr ?hnlich sind.

Als wir sp?ter an der T?r mit der Aufschrift ?Bad WC? vorbeigingen, las sie ?Bad C? und fragte ?Was ist das vor dem C??. Ich frage mich dann: ?Ist das jetzt eine schlechte Tagesform oder baut sie so schnell ab?? Dabei ist das W seit f?nfzig Jahren der erste Buchstabe ihres Nachnamens. Die L?cher des Siebes werden immer gr??er.

7.8.05 08:44


Bitte einen Apfelkorn ...

4. August 2005

ruft Frau H. Schwester S. bringt ihr ein Gl?schen Eierlik?r. ?Was macht das?? fragt Frau H. und z?ckt die Geldb?rse. ?Einszwanzig? antwortet S. Einige Minuten sp?ter ordert Frau H. den zweiten Apfelkorn. Und wieder kommt ein Gl?schen Eierlik?r. Bei der dritten Bestellung sagt Schwester S: ?Tut mir leid, Frau H. Sie hatten schon zwei Apfelkorn. Die Polizei war schon da. Wir d?rfen nur zwei pro Person ausschenken. Mehr hat die Polizei verboten?. Frau H. ist mit dieser Auskunft zufrieden, denn sie lebt innerlich in der Nachkriegszeit. Lebensmittel sind rationiert, aber meine Mutter nicht: ?I siech koa Polizei. Siegst Du oane? fragt sie mich (Ich sehe keine Polizei? Siehst Du eine)?

Wir sind im Wohnzimmer von Mamas Alzheimer-Wohngemeinschaft. Aber f?r Frau H. ist das jetzt eine Gastst?tte, wo sie Abendbrot gegessen hat. Wegen der Lebensmittelrationierung will sie vorsorgen. Ein Teil der Mahlzeiten verschwindet in ihrer Tasche ? entweder der Handtasche oder den Taschen der Kleidung. F?r die Pflegepersonen ist es oft gar nicht so einfach sie zum essen zu bringen, weil sie ?f?r sp?ter? hamstern und aufheben m?chte. Was sie jetzt isst ? so ihre Vorstellung ? fehlt ihr sp?ter. Und sie muss doch was f?r den Mann und die Kinder mit nach Hause bringen. Dass ihr Mann lange tot ist , die Kinder erwachsen sind und die Lebensmittel vor 60 Jahren rationiert waren, das wei? sie nicht. Die Kinder haben Hunger und denen muss sie was Gutes mitbringen. Da kann sie nicht einfach hier Abendbrot essen. Niemand darf merken, dass das eine oder andere Brot in ihrer Tasche verschwindet.

Die 10 Bewohner ? mehr Frauen als M?nner ? sitzen um zwei Tische. Sie haben ihre festen Pl?tze. An einem Tisch sitzen die, die noch mit Messer und Gabel umgehen k?nnen und sich verbal aufeinander beziehen k?nnen. Jede sitzt derjenigen gegen?ber, mit der sie das Zimmer teilt.

Am zweiten Tisch sitzen die Bewohner, die nicht mehr oder nur noch gelegentlich ein Wort sprechen. Sie brauchen mehr Unterst?tzung beim Essen, sind teilweise im Rollstuhl und werden gef?ttert. Dort sitzt auch Herr R und m?chte etwas. Er kann sich nicht mehr mit Worten verst?ndlich machen. Schwester S. bem?ht sich um ihn. Zwischendurch deutet er immer wieder zu unserem Tisch und st??t einige Laute aus.
Herr R., m?chten Sie noch etwas trinken? Er sch?ttelt den Kopf. M?chten Sie noch etwas zu essen? Er nickt. M?chten Sie ein Wurstbrot? Er sch?ttelt den Kopf. Ein K?sebrot? Er sch?ttelt den Kopf. Pudding? Auch Fehlanzeige. Joghurt? Auch nicht. Herr R. deutet auf unseren Tisch ? zum Brotkorb.
Ach Herr R. , Sie m?gen heute kein Graubrot (im Brotkorb auf Herrn R?s Tisch liegen nur noch Brotscheiben). M?chten Sie das halbe Br?tchen von dr?ben? Herr R. nickt und strahlt. Herauszufinden, was er auf sein Br?tchen haben m?chte, ist nun der einfachere Teil der ?bung.

Neben diesen ganz gew?hnlichen Abl?ufen m?ssen zwei der Bewohner auf die Toilette und brauchen Hilfe, weil sie allein nicht hin- und zur?ckfinden w?rden. Von einer anderen Wohngruppe kommt ein Bewohner. Er wird freundlich begr??t und schaut sich um. Einige Minuten sp?ter wird er zur?ck begleitet, weil auch er ohne Hilfe den Weg nicht finden w?rde.
Am Schluss des Abendessens werden die Medikamente ausgegeben. Jeder Bewohner wird aufgerufen und mit Namen angesprochen, denn jeder Impuls aktiviert das Gehirn und z?gert das Vergessen hinaus. Und Frau H. ordert ihren Apfelkorn.

4.8.05 16:27


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