Alzheimer - und dann?

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Wie lange noch?

5. Juli 2005
Die Stadt dampfte bei über 32 Grad nachmittags um vier Uhr vor sich hin. Die Räume in Muttis Wohngruppe sind glücklicherweise kühler. Die anderen Bewohner sitzen im Wohnzimmer. Eine Frau ist sehr unruhig und läuft hin und her.

Mama liegt wieder auf dem Bett, auf dem ich sie letztes Mal vorgefunden habe. Auch heute missfällt ihr „das Viech auf dem Schrank“ – der Drachen. Die unruhige Frau geht ihr auf die Nerven. „Warum kommt die dauernd in mein Wohnzimmer und schnüffelt hier herum? Eines Tages bringe ich die noch um“. Sie scheint mich zu verstehen, als ich ihr erkläre, dass die Frau das nicht böswillig macht und nicht schnüffeln will, sondern herumläuft, weil sie eine innere Unruhe hat. „Warum hat die eine innere Unruhe?“ will Mutti wissen. „Das gehört zu ihrer Krankheit, und da gibt es noch keine Medikamente dagegen“. „Ach so“.

Sie will wissen, ob bei mir gesundheitlich alles in Ordnung ist und was ich gemacht habe. Ich erzähle ihr von B’s Geburtstag und der Dampferfahrt mit Brunch, zu der ich aus diesem Grund eingeladen war. An diesem Nachmittag weiß sie, dass sie in Berlin ist.

Mutti will wissen, ob mit dem Geld alles in Ordnung ist und wie viel es „hier“ kostet. Ich sage ihr einen viel niedrigeren Betrag. Sie schaut trotzdem ganz geschockt, und ich füge hinzu, dass einen Teil davon die Pflegeversicherung bezahlt.

Aus dem Wohnzimmer tönen Heintje-Lieder aus den 60iger Jahren. Eine der Bewohnerinnen singt kräftig mit als ein Lied über die „liebste Oma“ dran ist. Wir reden über Mamas Lieblingslied. Es ist die Komposition „Candle in the Wind“, die Elton John Lady Di gewidmet hat. Sie macht eine Bemerkung, daß Prinz Charles jetzt mit Camilla Parker-Bowles verheiratet ist. Das habe sie in der Zeitung gelesen. Ich erinnere mich, dass die letzte Zeitung, die ich in ihrer Wohnung gefunden habe, vom 18. April 2005 war.

Nach einiger Zeit sagt sie traurig: „Ich weiß immer weniger. Ich habe Angst, dass Du eines Tages sagst ‚die Alte ist mir zu blöd’ und nicht mehr kommst“. Diese Momente sind für mich zur Zeit die grausamsten. Einerseits bin ich froh, dass sie mich meistens noch erkennt und ich mit ihr reden kann. Andererseits finde ich es schrecklich zu sehen, wie sehr sie leidet, weil ihr die Veränderung bewusst ist. Ich nehme sie in den Arm und sage ihr: „Ich habe Dich doch extra nach Berlin geholt, damit ich regelmäßig zu Dir kommen kann und mich um dich kümmern kann.“ „Du kommst ja auch jeden Tag“, meint sie (was nicht stimmt). „Du weiß halt Sachen nicht, die vor kurzem waren. An Vieles, was länger her ist, kannst Du Dich gut erinnern“ sage ich und denke bei mir – wie lange wohl noch? Jetzt will sie über den Pudelclub und die Pudel, die sie vor meiner Geburt gehabt hat, reden.
5.7.05 00:52


Wer alte Menschen beklaut ist ...

4. Juli 2005
? meiner Meinung nach ein Charakterschwein. Auch sonst finde ich Klauen nicht akzeptabel, in manchen F?llen aber nachvollziehbar.

Vor einigen Wochen hatte mir die Sozialarbeiterin des gerontopsychiatrischen Dienst erz?hlt, dass meine Mutter Geld vermissen w?rde und sie gebeten habe, in der Wohnung mit ihr danach zu suchen. Gefunden wurde nichts. Ist das Teil ihrer Verarmungs?ngste, die bei Alzheimer oft auftreten oder gibt es einen realen Bezug?

Jetzt wei? ich nach Durchsicht der Bankunterlagen, dass meine Mutter Ende Januar 4000 Euro von ihrem Konto bar abgehoben hat. Das ist f?r sie absolut ungew?hnlich. Sie hat sich immer nur soviel geholt, wie sie f?r Lebensmittel oder andere Dinge des t?glichen Bedarfs (Medikamentenzuzahlungen etc.) brauchte. In der Wohnung ist auch keine Neuanschaffung zu finden, die auf einen solchen Betrag hinweisen w?rde. Das Geld hat sie ? wie ihre Krankenkassenchipkarte und andere Dinge ? in einer gr?nen Stahlkassette aufbewahrt, und die ist weg. Wir haben in der Wohnung gesucht, aber nichts gefunden. Eine kleine Chance ist, dass sich noch etwas findet, wenn ich die Wohnung aufl?sen mu?. Da allerdings die ganze Kassette weg ist, halte ich das f?r eher unwahrscheinlich.

Jetzt verstehe ich, warum meine Mutter im Krankenhaus davon gesprochen hat, dass sie auf ihre Handtasche gut aufpassen mu?, weil ?da viel Geld drin ist?. Gelegentlich erw?hnt sie das auch im Heim und klagt dann dar?ber, dass ihr ?alles Geld gestohlen worden? ist.

Der Sozialarbeiter vom Heim hat mir geraten, eine Anzeige zu machen. Es wird zwar nichts dabei rauskommen, aber ? wenn f?r meine Mutter Sozialhilfe beantragt werden m?sse ? dann k?nne ich die Anzeige nachweisen, und es sei glaubhafter, dass ich das Geld nicht h?tte.

Da meine Mutter nur noch ganz wenige Leute in ihre Wohnung gelassen hat ? selbst Mitarbeiter des Pflegedienstes hat sie manchmal drau?en stehen lassen, vermutlich, weil sie sie nicht mehr erkannt hat ? ist der Kreis derer, die als Diebe in Frage kommen sehr ?berschaubar.

Abgesehen von dem materiellen Schaden, finde ich es schwer, mit meinem Misstrauen klarzukommen. Ich bin ungeheuer w?tend und sauer, denn au?er ihrem Lieblingsnachbarn und mir waren es nur noch professionelle Helfer, die in die Wohnung kamen.

4.7.05 14:36


Eigentumsverhältnisse

3. Juli 2005

Eigentlich hat Mama gleich das erste Zimmer rechts wenn man zur Wohnung der Wohngruppe reinkommt. Aber da scheint sie nur zu schlafen.
Wenn sie sich tags?ber zur?ckziehen will, geht sie meist in das Zimmer von Frau L. und Frau T. Das liegt am n?chsten beim Wohnzimmer, geht zum Garten raus und ist etwas heller als ihres.

Gelegentlich finde ich sie dann im Bett von Frau T: Deren rotes Kissen unter dem Po und die Nackenrolle hat sie sich auch zurecht geschoben. Ihre Bildzeitung, die Handtasche und die Zigaretten liegen auf dem Tisch neben dem Bett. Sie hat sich da h?uslich eingerichtet f?r ihre R?ckz?ge tags?ber. Frau T. und Frau L. gehen untertags nicht ins Zimmer. Also scheint es niemanden zu st?ren.

Bei meinem letzten Besuch sagte Mama: ?Also wei?t Du, was ich nicht verstehe ist das mit den M?beln. Ich hatte doch dunkle M?bel und warum stehen hier helle M?bel rum? Und was ist das ?berhaupt f?r ein Viech auf dem Schrank??
Ich hole das Tier herunter und zeige es ihr. Es ist ein ?berdimensionaler dunkelgr?ner, grinsender Drache Marke ?Schie?budengewinn?. Was dieses Andenken f?r Frau L. bedeuten mag? Hat es jemand f?r sie auf einem Jahrmarkt geschossen oder hat sie es an einer Losbude gewonnen?
Ich denke an Karussell fahren, gebrannte Mandeln, klebrige Zuckerwatte, das Heulen von Geisterbahnen und Bierzeltmusik. Mit ihr war ich einmal im Grundschulalter auf einem Volksfest. Sie hatte sich den Nachmittag von der Arbeit frei genommen. Wir hatten damals sehr wenig Geld, und f?r das Volksfest war ein bestimmter Betrag eingeplant. Ich liebte Ponyreiten ?ber alles und verzichtete gerne auf anderes f?r drei Runden Ponyreiten. Die Chips durfte ich selber an der Kasse holen.

W?hrend ich ritt, mu? sie ein Gespr?ch mitgeh?rt haben, denn als ich von meiner ersten Runde zur?ckkam, sagte sie zu mir: ?Du, das Kind da dr?ben ist sehr traurig. Es m?chte auch gern Ponyreiten, aber es kann nur zuschauen. Die haben kein Geld und seine Mama kann ihm kein Ponyreiten bezahlen. Gibst Du ihm einmal Ponyreiten ab?? Ich erinnere mich, dass ich mich bei dieser Frage v?llig frei f?hlte. Ich w?re nicht geschimpft oder getadelt worden, wenn ich die weiteren beiden Runden Ponyreiten f?r mich behalten h?tte.
?Mei, is des greislich? (meine G?te, ist das scheu?lich), t?nt Muttis Kommentar in meine Gedanken, und ich setze den Drachen wieder auf den Schrank.

?Mir gef?llt er?.
?Warum des?? fragt sie interessiert nach.
?Weil ich vor 15 Jahren mit einer Kollegin eine Kinderfaschingsparty organisiert habe, und die hat sich ein Drachenkost?m gemcht, das sah genauso aus wie der.?
3.7.05 08:25


Zustellungsbevollmächtigung

Zu-stel-lungs-be-voll-m?ch-ti-gung (acht Silben ? 27 Buchstaben: Das Wort sollte man sich f?r das Erstellen eines Silbenr?tsels merken. Mein juristischer Wortschatz in Sachen Alzheimer w?chst derzeit exponential.

Gestern ? Monatsletzter ? habe ich entlich Rechtspfleger A. telefonisch erricht und nach dem Beschlu? gefragt, der mich berechtigt, die Wohnung meiner Mutter zu k?ndigen. Davon h?ngt letztlich ab, zu welchem Datum ich die Wohnung rechtswirksam k?ndigen kann.

?Der Beschlu? ist schon vor einigen Tagen an Sie herausgegangen, damit Sie ihn rechtzeitig vor Monatsende haben? teilt mir Rechtspfleger A. mit.

Ich frage, ob er den Beschlu? an die Vermieterin faxen kann, damit die Frist eingehalten wird und ich nicht einen Monat l?nger die Mietkosten tragen mu?. ?Tut mir leid. Das geht nicht. Der Beschlu? darf nur an Sie geschickt werden, weil nur bei Ihnen als Betreuerin die Zustellungsbevollm?chtigung liegt. Wenn der Beschlu? nicht da ist, wird er wohl heute bei Ihnen ankommen?.

Vergebliche Hoffnung, denn einige Minuten sp?ter bei der Postzustellung ist der Gerichtsbeschlu? nicht dabei. Nun ist die Frage, wie kulant die Vermieterin, eine Wohnungsbaugenossenschaft, sein wird.

Etwas sp?ter telefoniere ich mit einem Bekannten, der Jurist und Sozialarbeiter ist und der einige Jahre bei einem sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet hat. Als ich ihm davon erz?hle, meint er: ?An was f?r eine Knallt?te bist Du denn da geraten?. Bei einer Zustellungsbevollm?chtigung geht es nicht darum, zu regeln, an wen was geschickt wird, sondern wer etwas erhalten mu?. Wenn beispielsweise jemand gegen Deine Mutter klagen will, dann mu? das bei Dir und nirgends anders landen. Schick? dem Vermieter per Fax ein kurzes Schreiben, dass Du das Papier so schnell wie m?glich nachreichst.

1.7.05 18:15


zwischen Pferdeschwanz und Hochfrisur

30. Juni
Nach einem kurzen Zwischenstopp beim Sozialarbeiter gehe ich zu Mama hoch. Wie wird sie heute drauf sein? Beim letzten Besuch war sie total aggressiv und schrie mich an, dass sie in diesem Haus (was ist das ?berhaupt? Die sind doch alle plemplem) nicht l?nger bleibt. Ich soll sofort daf?r sorgen, dass sie wieder nach Hause in ihre Wohnung kommt.

Als ich in die Gruppe komme, hat sie sich gerade hingelegt. Schwester A., eine junge Frau Mitte 20 ist bei ihr. Meine Mutter ist ganz aufgekratzt. Sie erz?hlt mir gleich, dass Schwester A. die Netteste von ganz M. (ihr alter Wohnort) ist. ?Die tut immer so viel f?r mich ? das kannst du dir gar nicht vorstellen? l?utet sie ihre Lobeshymne ein.

Heute hat sie eine flotte Pferdeschwanzfrisur. Mutti hat ihre schulterlangen Hare immer nur glatt nach hinten gek?mmt. So viele unterschiedliche aparte Frisuren wie ich in dieser kurzen Zeit im Heim an ihr gesehen habe, hatte sie ihr ganzes bisheriges Leben nicht. Ihr scheint das sehr zu gefallen.

Sie hat sich in ihrem ganzen Leben geschminkt und das in den letzten Jahren aufgegeben. Pfleger D. hatte mich gefragt, was f?r sie wichtig war und dann gemeint: ?BringenSie doch bitte Schminksachen f?r Ihre Mutter mit. Wir M?nner kennen uns damit nicht so gut aus, aber unsere Kolleginnen k?nnen Ihrer Mutter doch beim Schminken helfen?.

F?r mich ist es immer noch ungewohnt bei meinen Besuchen im Heim, dass mich die Mitarbeiter fragen, ob ich etwas zu trinken m?chte.

Ich unterhalte mich mit Mutti ?ber dies und das. Sie m?chte wissen, was das f?r ein Hund ist, den sie drau?en bellen h?rt und wo er hingeh?rt. ?ber die Schokolade, die ich ihr von G. mitgebracht habe, freut sie sich sehr und fragt, wie es ihm geht. Meinen Vorschlag, dass er n?chstes Mal mitkommen k?nnte, findet sie prima: ?Ich freue mich doch ?ber jeden Besuch. Ihr und die Amerikaner sind doch die einzigen, zu denen ich noch Kontakt habe.?

Bei ?den Amerikanern? hat sie vor mehr als 50 Jahren gearbeitet, genauer gesagt bei den amerikanischen Organisationen, die die DP-Lager f?r die ?berlebenden j?dischen ?displaced persons? im Nachkriegsdeutschland versorgten. Nachdem das letzte DP-Lager in F?hrenwald 1957 geschlossen worden ist, sind ?die Amerikaner?, die dort gearbeitet haben, wieder nach Hause zur?ckgekehrt.

Kurz darauf sagt sie: ?Ic habe doch einmal eine Tochter gehabt?. In flappsigem Ton entgegne ich: ?Nimm halt mich daf?r?. Sie: ?Es wird mir nichts anderes ?brig bleiben?.
Nach einigen Momenten des Schweigens sage ich: ?Mama, ich bin doch deine Tochter?. Sie zuckt leicht zusammen und sagt: ?Das war doch nur ein bl?der Spruch von mir. Du wei?t doch, dass ich auf bl?de Spr?che abonniert bin? ?. Hmmmmmm
? und ich frage mich, wie viele ?hnliche Situationen sie schon ?berspielt hat.
30.6.05 02:01


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