Alzheimer - und dann?

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physiologisch optimaler

Nun bekommt Mama seit Mitte letzter Woche die hochkalorische Zusatz-nahrung. Beim gestrigen Besuch meinte der Wohngruppenleiter, manchmal würde sie es nehmen, manchmal würde sie sagen, daß es ihr nicht schmeckt.

Ich war erstaunt und sagte: Aber Sie haben das doch ausprobiert und mir gesagt, daß sie diese Marke mag. Ja, meinte der Wohngruppenleiter, das ist aber nicht genau die Marke, die wir ausprobiert haben und die sie mochte, sondern eine andere. Die Ernährungsberaterin hat gemeint, daß die Marke, die sie jetzt hat physiologisch optimaler von der Zusammensetzung ist und deshalb hat die Ärztin die verschrieben.

Ich habe nur die Augen hochgezogen und tief durchgeatmet. Lieber hat sie eine Zusatznahrung, die sie nimmt - auch wenn die nicht ganz so physiologisch optimal ist, als daß man die physiologisch optimalere teilweise entsorgen muß, weil sie nicht genommen wird.
3.9.07 11:00


Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen - oder: Wenn die Vergangenheit nicht (mehr) vergangen ist

29. August 2007

Vor einiger Zeit musste Mama zum Orthopäden. Es ging um ein neues Rezept für Krankengymnastik. In bestimmten Abständen – so sieht es die Krankenkasse vor – muß sich der Arzt das anschauen bevor er weitere Verordnungen verschreiben darf.

Über holperige Landstraßen wurden wir mit dem Krankentransport in die Arztpraxis gebracht. Mama saß in einer speziellen Trage im Wartezimmer. Es ist ja nicht so, dass man – wenn man mit dem Transport kommt – schneller dran kommt. Es war ein durchschnittliches Wartezimmer einer durchschnittlichen Facharztpraxis. Die Atmosphäre war weder besonders freundlich noch besonders unfreundlich. Die übliche Geschäftigkeit mit den üblichen Abläufen: Türen klappern, das Telefon klingelt, der eine oder andere Namen wird zur Bestrahlung, ins Sprechzimmer oder an die Rezeption gerufen.

Einige Patienten, vorwiegend Frauen im Rentenalter zu dieser vormittäglichen Stunde, lesen im Grünen Kleeblatt oder Echo der Frau, was sich in den europäischen Königshäusern, dem Hochadel und prominenten Kreisen so tut: Wer wen heiratet, betrügt, Nachwuchs in die Welt gesetzt hat, sich bis zum Abwinken betrinkt …

Mama will nichts anschauen. Die Fahrt hat sie ziemlich angestrengt. Sie ist in sich versunken. Hoffentlich müssen wir nicht so lange warten. Dann und wann geht eine Tür auf oder zu.

Auf einmal fängt Mama an zu schreien. Sie ist völlig aufgelöst und besteht nur noch aus Panik. Stoßweise bricht es aus ihr heraus: „Nicht misshandeln! Nicht misshandeln! – Nein, ich lasse mich nicht in Konzentrationslager bringen. – Nie mehr – Ich will keine medizinischen Versuche – Ich lasse mich nicht mitnehmen“.

Ich sehe sie neben mir, gerade noch 40 Kilo schwer. Sie kann sich kaum noch alleine bewegen, ist auf den Rollstuhl angewiesen und kann ohne Hilfe fast nichts mehr tun.

Ich nehme sie in den Arm: „Mama, ich bin doch bei Dir und beschütze Dich“. Sie wird etwas ruhiger. „Mama, es gibt keine Konzentrationslager mehr“.

Sie wimmert noch leise: „Nicht misshandeln. Keine medizinischen Versuche – ich will das nicht“.

„Mama, die bösen Ärzte sind alle verurteilt worden und ins Gefängnis eingesperrt worden. Die können Dir nichts mehr tun. Nie mehr!“ Sie wird langsam ruhiger. Ich spüre gleichzeitig eine ungeheure Hilflosigkeit und eine archaische Wut, denn nur wenige der „bösen Ärzte“ sind zur Rechenschaft gezogen worden und dann meist recht gut weggekommen.

Die anderen Patienten sind erstarrt und haben sich hinter ihren Zeitschriften verkrochen. Eine ältere Frau ist mit ihrer Bestrahlung fertig und kommt zu uns. Sie verabschiedet sich von mir: „Es tut mir so leid. Ich wünsche Ihnen alles Gute, für Sie und Ihre Mutter“. Dieses Zeichen von Mitgefühl tut mir gut.

Schließlich werden wir ins Sprechzimmer gerufen. Der Doktor verschreibt ihr Krankengymnastik und Lymphdrainage. Er meint: „Sie müssen mit Ihrer Mutter nicht mehr herkommen. Rufen Sie einfach an und geben Sie bescheid, was Sie brauchen.“

Noch erreiche ich Mama. Noch erkennt sie mich. Noch kann sie sich ausdrücken. Aber was wird sein, wenn sie mich eines Tages nicht mehr erkennt, wenn sie eines Tages nicht mehr sprechen können wird?

Zwei Wochen später komme ich in ihr Zimmer und höre, wie sie schreit: „Nicht misshandeln“. Die Krankengymnastin ist bei ihr, eine junge Frau so um die 25 Jahre, die völlig fassungslos ist und ganz entgeistert stammelt: „Aber ich habe Ihrer Mutter doch gar nichts getan.“

Einige Tage später wird mir ihre Lieblingspflegekraft von einer ähnlichen Erfahrung berichten. Ich bin froh, dass das Pflegeteam regelmäßig Supervision und Fortbildungsmöglichkeiten hat.
29.8.07 18:37


Auf ein Wort - kam ein Stöckchen angeflogen

Dein Handy? angeschafft und angeschaltet wegen Mama
Dein/e Partner/in? bei sich zuhause
Deine Haare? halblang
Deine Mama? nimmt zu viel ab
Dein Papa? schon lange gestorben
Lieblingsgegenstand? Bücher
Dein Traum von letzter Nacht? nicht mehr erinnerlich
Dein Lieblingsgetränk? Ginger Ale
Dein Traumauto? nur in der Mitfahrerposition - Marke egal
Der Raum, in dem du dich befindest? Wohnzimmer
Dein/e Ex? inzwischen gleichgeschlechtlich orientiert
Deine Angst? Überforderung
Was möchtest du in zehn Jahren sein? weiser und gelassener
Mit wem verbrachtest du den gestrigen Abend? mit dem Liebsten
Was bist du nicht? diplomatisch
Das letzte, was du getan hast? gekocht und gegessen
Was trägst du? Jeans
Dein Lieblingsbuch? eines???
Das letzte, was du gegessen hast? Schweizer Schokolade
Dein Leben? intensiv
Deine Stimmung? urlaubsreif
Deine Freunde? gaaanz wichtig
Woran denkst du gerade? was morgen alles zu tun ist
Was machst du gerade? Blogrunde drehen
Dein Sommer? angenehm, weil wettermäßig nicht zu heiß
Was läuft in deinem TV? nix
Wann hast du das letzte Mal gelacht? vor drei Stunden mit dem Liebsten
Das letzte Mal geweint? vorgestern
Schule? lang vorbei
Was hörst du gerade? Piepsen meines Weckers
Liebste Wochenendbeschäftigung? sämtliche Zeitungen lesen
Traumjob? entwickelt sich gerade
Dein Computer? Laptop
Außerhalb deines Fensters? Park und Altbauten
Bier? am liebsten als Radler
Mexikanisches Essen? schon seit Jahren nicht mehr
Winter? hier eher grau in grau verregnet; aber mein Kachelofen reißt alles raus
Religion? für mich wichtig
Urlaub? Hoffentlich Ende September eine Woche Istanbul
Auf deinem Bett? bunte Decke
Liebe? langanhaltend immer schöner werdend

weitermachen darf medbrain
28.8.07 21:34


Was ist ein Kostenvoranschlag?

22. August 2007

Bis jetzt dachte ich eigentlich, ein Kostenvoranschlag sei ein Papier, das mir aufschlüsselt, welchen Leistungsumfang ich zu welchen Bedingungen bekomme.

So kann man sich täuschen. Da Mama ziemlich abgenommen hat - 39 Kilo bei 158 cm Größe - soll sie hochkalorische Zusatznahrung bekommen. Das Heim hat mehrere Päckchen ausprobiert. Dann sollte ich ein Formular unterschreiben, daß mir bewußt ist, daß diese Zusatznahrung selbst zu bezahlen ist und bestellt werden darf.

Nun wollte ich Genaueres wissen und bekam einen Kostenvoranschlag in Aussicht gestellt. Die Firma, die das Produkt vertreibt, schickte also ein Fax auf dem steht:

1x Resource Faser 2.0. Mischkarton für BETRAG

Das ist nicht besonders aussagekräftig. Welche Geschmacksrichtungen werden zur Verfügung gestellt. Wie groß ist eine Portion (200 ml oder 500 ml)?
Wieviele Päckchen enthält so ein "Mischkarton"?

Ich rief also bei der Firma an. Die waren erstaunt, warum ich das so genau wissen will. Der Preis erscheint mir nämlich für 200 ml sehr hoch. Für 500 ml wäre er recht günstig.

Nun wollen sie eine Produktinformation samt detaillierter Infos schicken.

Vielleicht haben die mitlesenden Pflegeprofis Erfahrungen und Empfehlungen beizusteuern?
22.8.07 20:11


Es gibt Engel

Seit einigen Wochen bekommt Mama wegen ihrer chronischen Schmerzen Schmerzpflaster. Andere Medikationen haben nicht mehr gegriffen. Der Nachteil ist, daß sie die meiste Zeit sehr schläfrig und wenig ansprechbar ist. Es senkt ihr gesamtes Aktivitätsniveau. Sogar beim Essen muß man sie ans Runterschlucken erinnern. Mit dem Sprechen hatte sie zeitweise große Schwierigkeiten. Bei solchen Veränderungen ist dann die Frage, ob sie vorübergehend oder auf Dauer sind.

Gestern - war sie seit längerer Zeit - erstmals wieder sehr munter. Ich zeigte ihr ein Foto, das ich in ihrem Zimmer gefunden hatte. Es ist vor zwei Monaten im Garten aufgenommen worden und zeigt sie mit Günter. Ihr gefällt das Foto auch. Sie will wissen, wann Günter wieder kommt und wie es ihm geht.

Dann nach einer Pause: "Der Günter, der ist kein Mensch".
Darauf ich: "Sooo?? Nicht? Was ist er denn dann?".
Kurze Pause, dann: "Der Günter ist ein Engel".

Etwas später sitzen wir in der Wohnküche, wo noch einige Bewohner, die später aufgestanden sind, beim Frühstück sitzen. Jedem wird nach seinem Bedarf geholfen. Einer kann noch fast alles selber machen und bekommt alles, was er möchte hingestellt. Andere brauchen viel Unterstützung und bekommen das Essen gereicht.

Mama kann heute alleine essen und ist schon fertig. Sie schaut bei den anderen zu und sagt zu mir: "Das ist hier so eine nette Art, wie die Mitarbeiter den Leuten helfen. Da braucht man überhaupt keine Angst haben. Und man muß sich auch nicht schämen, wenn man irgendwas nicht mehr kann."

Dabei erinnere ich mich, wie Mamas Lieblingspflegekraft mir vor drei Wochen erzählt hat, daß Mama zu ihr sagte: "Ich kann nicht mehr alleine essen. Jetzt bin ich wieder wie ein Baby."
18.8.07 21:12


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