Alzheimer - und dann?

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Segnungen moderner Technik

8. Oktober 2006

Ein großer Technikfreak bin ich nicht, und wenn ich ein neues Gerät kaufe, dann konzentriere ich mich auf die notwenigen Funktionen. Die lasse ich mir von Günter erklären, denn ich gehöre zu den Technikanalphabeten.

Über meine Digitalkamera bin ich sehr froh, denn sie ermöglicht mir, sehr schnell Fotos über den Computer zu bearbeiten und auszudrucken.

Ich drucke Fotos aus meinem Alltag aus, schreibe einige Zeilen dazu und schicke sie Mutti. Sie tut sich mit diesen bebilderten Briefen leichter, weil sie anschaulicher sind.

Heute war ich auf einem Kürbisfest. Am Eingang gab es ein riesengroße Sonne aus Kürbissen.

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Ein Bauernwagen war beladen nur mit Hokaidokürbissen. Mein Lieblingskürbis für Kürbis-Karottensuppe.

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An einem Stand wurden mehr als zehn Sorten Kürbisse verkauft.

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8.10.06 19:48


Biografiearbeit

6. Oktober 2006

In Mamas neuem Heim wird sehr viel Wert auf Biografiearbeit gelegt, denn „wer die Biographie Demenzkranker kennt, kann die mit dem Verhalten verknüpften Bedürfnissignale besser entschlüsseln und im Umgang mit dem Kranken berücksichtigen. Die Biographie ist oftmals der Schlüssel zu noch vorhandenen Fähigkeiten, die es bewußt zu fordern gilt, um sie noch möglichst lange zu erhalten.“

Deshalb habe ich fünf Seiten mit 63 Fragen bekommen. Hier ist eine kleine Auswahl:

- welche Traditionen wurden in der Familie gepflegt
- welche Sprichwörter wurden benutzt
- aus welchem sozialen Milieu stammte(n) der/die (Ehe-)Partner
- wie kann man sich das Elternhaus vorstellen (Gebäude, Gerüche, Farben, Umgebung, Landschaft)
- wo und wie wurden Freizeit / Ferien verbracht
- welche Geschichten gibt es zu Taufe / Geburt
- Vorlieben als Kind: Getränke, Essen, Nascherein, Kleidung, Gerüche, Düfte, Musik, Gesang; was wurde getauscht…
Also Fragen, die man nicht so eben mal mit ja oder nein beantworten kann.

Dann gibt es noch weitere fünf Seiten zum Ankreuzen oder Einschätzen:
- bisheriger Lebensraum: Gemeinde / Klein-stadt / Großstadt
- Nachbarschaftsbeziehungen: ausgeprägt / normal / eingeschränkt; besondere Bezie-hungen zu:
- Verhaltensweisen: sportlich / gesund-heitsbewußt / modebewusst / geschlechts-bewußt / körperbewußt

Also ich bin gut beschäftigt!


Mehr zur Biographiearbeit bei Alzheimer / Demenz
6.10.06 17:40


sauer - wütend - aggressiv

5. Oktober 2006

Mama ist sauer, wütend und aggressiv

- weil sie denkt, dass ihre Verwandten (also ich) sie „ins Heim abgeschoben haben“

- Weil sie „zuhause leben will“ in ihrer alten Wohnung und nicht versteht, warum das nicht möglich sein soll

- Weil sie mit der Fernbedienung des neuen Fernsehgeräts nicht klarkommt

- Weil sie bei den Mahlzeiten „nicht immer am gleichen Platz sitzen“ will

- Weil „das Zimmer vieeel zu klein ist, vieel kleiner als die alte Wohnung – eine Besenkammer ist das“ findet sie. Sie weiß nicht mehr, daß sie 14 Monate ein Zimmer gleicher Größe mit jemand geteilt hat. Und im Vergleich zu früher ist ihr Leben KLEINER geworden.

- Weil sie meint, dass ich ihr Geld gestohlen habe

- Weil in dem neuen Heim bestimmt niemand ist, der zu ihr passt

- Weil die Bank ihr keine Kontoauszüge schickt

Und ganz viele andere „WEILs“, große „WEILs“ und kleine „WEILs“, die auf die Aussage rauslaufen: „Mein Alter habe ich mir anders vorgestellt“.

Sie überschüttet mich mit Vorwürfen, beschuldigt mich und beschimpft mich. Sie ist ungerecht und weiß es auch, denn zwischendurch versucht sie einzulenken.

Ich versuche diesem Schwall standzuhalten und sage ihr, dass ich nach der besten Lösung gesucht habe und versucht habe, alles in ihrem Sinn zu machen. Mehr kann ich nicht für sie tun.

Was ist krankheitsbedingt und was ist durch ihren Charakter bedingt? Ein zufriedener Mensch war sie nie und wird es nicht werden.

Ich kann mich darum bemühen, dass die Rahmenbedingungen möglichst gut für sie sind und so weit wie möglich auf ihre Wünsche eingehen: Das eigene Zimmer, ein Bad für sich allein und einen Fernseher – und dafür sorgen, dass sie die Unterstützung bekommt, die sie braucht.

Ich sehe die Not hinter ihren Vorwürfen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich für sie getan habe, was ich konnte.
5.10.06 08:15


eine halbe Minute Hund

4. Oktober 2006

Mama ist sehr interessiert am Hundebesuchsdienst. Sie liest in der Heimzeitung, dass jeden Dienstag von 10.00 – 11.00 Uhr Herr Mandel mit seinem Hund Branco zum „Streicheln, Füttern und spazieren gehen ins Haus kommt“. Mama will wissen, wie viele Menschen im Heim wohnen. „Hundert oder hundertzwanzig Leute, ich weiß es nicht genau“.

„Das ist ja nur eine halbe Minute Hund für mich. Da kann ich drauf verzichten. Außerdem braucht er Wegezeit um von einem zum anderen zu kommen“ sagt sie ganz entsetzt.

„Es werden ja nicht alle, die hier wohnen am Hundebesuch interessiert sein“ gebe ich zu bedenken. Trotzdem: Mama hat sich den Hundebesuch anders vorgestellt.
4.10.06 10:15


Sonntagsspaziergang

3. Oktober 2006


Ein wunderschöner Herbsttag ist dieser Tag, an dem ich Mama zum ersten Mal im neuen Heim besuche. Ich sehe sie im Gruppenwohnzimmer beim Kaffeetrinken sitzen. Zuerst schaue ich bei Schwester Ute im Stationszimmer vorbei und frage, was es Neues gibt. Mama isst und trinkt wenig, ist sehr gesprächig und gern in ihrem Zimmer. Die erste Nacht hat sie sehr gut durchgeschlafen.

Heute Vormittag ist etwas passiert, worüber sie sehr unglücklich war. „Ihre Mutter saß im Gruppenwohnzimmer. Wir hatten ihr keine Einlage gegeben, weil sie immer sehr früh und deutlich sagt, wenn sie auf die Toilette muß. Es ging recht munter im Gruppenwohnzimmer zu. Trotzdem ist Ihre Mutti so tief eingeschlafen, dass sie dann eingepullert hat. Es war ihr so peinlich, dass ihr das passiert ist. Sie hat sich tausendmal entschuldigt“.

In solchen Momenten bin ich froh um ihr Vergessen. Trotzdem ist es in der Situation für sie ganz entsetzlich. Ich erinnere mich daran, dass Stationspfleger Dieter mir vom alten Heim erklärt hat, warum auch die Bewohner, die nicht inkontinent sind und klar sagen können, dass sie auf die Toilette müssen, tagsüber Inkontinenzeinlagen bekommen: „Es kann immer mal vorkommen durch Stress oder Einschlafen, dass jemand den Harndrang mal nicht kontrollieren kann. Wir möchten nicht, dass jemand in die Situation kommt sich vor den Mitbewohnern beschämt zu fühlen. Es geht bei dieser Maßnahme nicht darum, dass wir es uns als Mitarbeiter bequem machen wollen und die Bewohner nicht zur Toilette bringen, sondern allein darum, den Stress für die Bewohner zu reduzieren“.

Schwester Ute erzählt noch, dass Mama darüber klagt, von ihren Verwandten hierher abgeschoben worden zu sein. Sie würden ihr erklären, dass sie rund um die Uhr Hilfe braucht und deshalb hier sei. „Sie können auch gern zwischendurch anrufen. Wir holen ihre Mutti dann ans Telefon“.

Ich gehe zu Mutti ins Gruppenwohnzimmer und begrüße sie. „Mausi, woher weißt Du denn, dass ich hier bin“ strahlt sie mich an. Seit drei Wochen verwendet sie wieder diesen Kosenamen aus meiner Kindheit, den ich in meinem Erwachsenenleben gehasst habe wie die Pest.

Eine Tasse Kaffee und ein Stück Käsekuchen stehen vor ihr. Sie möchte gerne eine rauchen. Deshalb ziehen wir uns samt Kaffee und Kuchen in ihr Zimmer zurück. Den Kuchen lässt sie stehen. Magst Du keinen Kuchen, frage ich sie. "Nein, ich habe doch kein Geld bei mir um den zu bezahlen". Mama, der ist doch schon bezahlt. Und ich nehme mir vor, ihr eine Geldbörse mit einem kleinen Betrag mitzubringen.

Über die beiden Lippenstifte und den Make-up-Puder freut sie sich sehr. Wir schauen in die Heimzeitung. Dort gibt es ein Buchstaben-Viereck-Rätsel. Es sollen Begriffe gesucht werden, die mit Ernte – das Rahmenthema dieser Ausgabe – zu tun haben. Die Buchstaben, die diese Wörter ergeben, sind geringfügig dicker als die anderen. Mama findet nun Erntedank, Erntehelfer, Sense, Getreide und was dergleichen mehr ist, heraus. Nur die „Egge“ übersieht sie. Mit dem Begriff kann sie nichts anfangen. Bei „Saat“ protestiert sie: „So ein Schmarrn, sag denen, dass in einem Rätsel über „Ernte“ die Saat nichts zu suchen hat.

Dann will sie wissen, was ich tue, wenn sie hier nicht bleiben will. „Ich glaube nicht, dass es hier Leute gibt, die zu mir passen“.

„Dann bin ich ratlos“ antworte ich ihr. „Du bist doch gerade mal einen Tag hier und hast noch gar nicht viele Leute kennen gelernt. Laß Dir doch erst einmal etwas Zeit“. Dass sie erst seit gestern hier ist und vorher vierzehn Monate in einem Heim war, sagt ihr nichts.

Sie klagt über Schmerzen im linken Knie. Ich habe schon bescheid gesagt. Nächste Woche kommt der Doktor zu Dir um sich das anzuschauen. „Der Doktor mit dem roten Pulli?“ Das ist der, der sie im letzten Heim behandelt hat und dem sie einen Kartengruß geschrieben hat. „Er oder seine Vertretung“ antworte ich.

Ich frage sie, ob sie rausgehen will. Wir könnten uns doch ein bisschen die Umgebung anschauen, schlage ich vor. Sie ist von der Idee sehr angetan.

Wir gehen ein Stück und kommen zur Kirche. Sie ist ganz begeistert. Ich habe meine Digitalkamera dabei und schlage ihr vor, dass wir alles fotografieren können, was ihr besonders gut gefällt.

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"Die Kirche schaut aus wie die in B., wo die Familie von meiner ersten Schwiegermutter gewohnt hat." Und sie erzählt, wie gut sie in dieser Familie aufgenommen worden ist. „Ich möchte mal in die Kirche reinschauen“. Die wird jetzt nicht offen sein, aber wir können ja mal herumfahren.

Wir finden einen Schaukasten. Sie interessiert sich für die Mitteilungen. „Mutter-Vater-Kind-Gruppe – zur gegenseitigen Unterstützung in Erziehungsfragen“ liest sie und kommentiert: „Nein, das ist nichts für mich. Aus dem Alter bin ich raus“.

Darunter weist ein anderer Anschlag darauf hin, dass einmal monatlich unter der Woche ein Gottesdienst für Alzheimerkranke und deren Angehörige angeboten wird. „Nein, das ist nichts für mich“ befindet sie. „Ich hab kein Alzheimer. Aber in einen Gottesdienst will ich schon mal gehen. Mama war zuletzt vor über dreißig Jahren in einem Gottesdienst und hat sich für kirchliche Aktivitäten nie interessiert, obwohl die Kirchengemeinde um die Ecke eine Bibliothek hatte und sie immer gern gelesen hat.

Nun kommt sie zum Monatsprogramm des Frauenkreises. „Der Frauenkreis könnte doch was für mich sein“ meint sie. „Ich mag auch mal Leute aus anderen Altersgruppen treffen, nicht nur immer unter alten Leuten sein. Die Themen hören sich interessant an. Außerdem möchte ich Besuch vom Pfarrer bekommen. So zwei oder drei Mal im Jahr könnte der schon bei mir vorbei schauen. Meinst Du, dass der zu mir kommt?“ Ich verspreche ihr, dass ich den Pfarrer anrufen werde und bescheid geben werde.

Ich mag die bunte Hauswand da vorne anschauen. Das gefällt mir.

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“Was sind denn das für schwarze Striche unter dem linken Bild und zwischen den beiden Bildern” will sie wissen. „Mama, das sind TAGS, Namenszeichen. So eine Art Unterschrift. Die jungen Leute, die das machen, erkennen sich daran. Als Du beim Militär warst, da hast Du ja auch eine Erkennungsmarke, Dein dog-tag gehabt. Einige Zeit später wird sie bei einer anderen Hausmauer sagen: „Da sind wieder solche Tags“.

Um die Ecke sehen wir ein wunderschönes Gitter mit Weintrauen und Weinlaub-Ornamenten. Das möchte Mama fotografiert haben.

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In einem Garten gefallen ihr die Dahlien besonders gut:

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Etwas weiter begeistert sie sich für einen Hagebuttenstrauch. „Es ist wirklich schön hier“.

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An einem Gartentor finden wir dieses Schild:

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“Aha, pflichtbewußter Hund heißt das heute. Wir haben halt früher ‚bissiger Hund’ gesagt“ kommentiert sie das Schild.

Über dieses Schild muß sie sehr lachen:

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Und völlig begeistert ist sie von der englischen Telefonzelle:

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„So schauen die Telefonzellen dort wirklich aus. Zumindest als ich damals dort war. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht“. Sie hat nach dem Krieg für einige Monate in England gearbeitet.

Ach Mausi, das ist eine schöne alte Tür. Die musst Du für mich fotografieren:

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Vor einer Bäckerei weise ich sie auf ein Nasenschild hin:

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Das möchte sie auch fotografiert haben. Etwas später sehen wir Stühle und Tische vor einem Laden stehen. Sie liest „Patisserie. Französisch habe ich auch mal gehabt. Also eine Konditorei“. Da gehen wir dann das nächste Mal hin.

Vor dem Eingang des Heims sehen wir eine getigerte Katze mit weißen Pfoten.

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“Ach ist die niedlich. Die war mit ihren Pfoten im Teig”. Wie meinst Du das, frage ich nach. „Na, das kommt doch im Märchen vor, dass ein Tier die Pfote im Teig hat“ und ich erinnere mich an den „Wolf und die sieben Geißlein“. Die Variante, die ich als Kind kannte, ging so, dass der Wolf seine Pfote in Teig tauchte um den Geißlein vorzugaukeln, er sei die Mutter.

Mama, jetzt zeige ich Dir noch was, was mir besonders gut gefällt. Ich fahre sie in einen Flur, in dem alte Reklameschilder hängen. „Von der Persilreklame will ich ein Bild“:

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Dann sieht sie das „Rahma-Schild“:

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Damit ist sie nicht einverstanden. „Rahma mit ‚h’ ist ein Schmarrn“ meint sie.

Wir fahren durch die Gänge zu ihrer Wohngruppe und schauen uns noch einige Werke, die in der Kunsttherapiegruppe entstanden sind, an.

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Besonders gut gefällt ihr diese Seidenmalerei, die in einer Gruppenarbeit entstanden ist. „Wie man das wohl macht“ will sie wissen. Da kannst Du ja mal hingehen und zuschauen.

Auch dieses Sonnenblumenbild

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und diese dreidimensionale Sonnenblumen-collage sind in der Kunstgruppe entstanden:

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Als wir in die Wohngruppe zurückkommen, sitzen die anderen Bewohner schon beim Abendessen. Ich bleibe noch kurz und verabschiede mich dann. Ein sehr erlebnisreicher Nachmittag liegt hinter mir.
3.10.06 17:50


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