Alzheimer - und dann?

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Umzugsturbulenzen

2. Oktober 2006

Als ich Mama abholen wollte, saß sie noch beim Frühstück. Wir waren eine halbe Stunde früher da als angekündigt, weil der Fahrer früher gekommen war. Herr Roth schob ihr gerade einen Becher hin. Mama, schau mal, der Herr Roth gibt Dir was zu trinken. „Von wegen geben! Das hat er mir zuerst weggenommen. Und jetzt schiebt er es mir wieder hin. Herr Roth – überleg Dir genau, was Du jetzt tust. Je nachdem geb ich Dir von meinem Marmeladen- und Wurstbrot was ab oder Du kriegst nur eine Brotrinde. So ich fahre jetzt zum Einkaufen. Ich brauche Lippenstift und eine neue Handtasche“. Mit Blick auf Frau Fröhlich und ihre Zimmergenossin Frau Ludwig meint sie: „Und meinen beiden Freundinnen will ich auch was mitbringen. Was mögen die beiden denn?“

Von Freundinnen war bis jetzt nicht die Rede, deshalb bin ich etwas verwundert. „Wir können ja unterwegs schauen, ob wir für die beiden was sehen“ schlage ich vor. Elke hilft mir, denn das Auto ist etwas höher.

Mama gefällt die Autofahrt ausnehmend gut. Sie liebt Autofahren und kommentiert, was sie alles sieht. „Hier gibt es aber viele Apotheken. Die Leute müssen hier kränker sein als anderswo, denn sonst können diese Apotheken nicht alle überleben“. Mama liest aus dem fahrenden Auto Straßennamen und bringt auch die zusammen, die sie nicht kennen kann wie etwa die Knipproder Strasse. Ihr gefällt das viele Grün und die Herbstfarben, die sie sieht.

Als wir im Heim ankommen kommt uns Sozialarbeiter Bertram, den sie bereits von seinem Besuch in ihrem alten Heim kennt, mit einem Rollstuhl entgegen. Er begrüßt sie mit einem Blumenstrauß und der Heimzeitung. Sie erkennt ihn wieder.

Wir gehen in ihre neue Wohngruppe. Margit, Mitte 50, Servicekraft begrüßt uns. „Guten Tag, ich bin Margit. Jetzt zeige ich Ihnen erst einmal ihr Zimmer“. Wir schauen Mamas Zimmer an. Es ist freundlich eingerichtet und hat Blick auf den Garten. Mamas Möbel sind bereits am Tag vorher gekommen. Von ihrem eigenen Bad mit behindertengerechter Dusche ist sie sehr angetan.

Margit fragt Mama, ob sie einen Kaffee zur Begrüßung mag. Mama ist ganz angetan von dieser Herzlichkeit. „Ich möchte Ihre Kleidung kennzeichnen. Das dauert einige Zeit. Deshalb mache ich das, was Sie in den nächsten Tagen brauchen. Womit soll ich denn anfangen?“. Als die ersten Kleidungsstücke eingemerkt sind mit einer Art Tucker für Kleider, fragt Margit Mama wie sie von ihr angesprochen werden möchte. Mama nennt ihren Vornamen. Und gedutzt möchte sie von Margit werden. Und so ein Namensschild wie Margit hätte sie auch gern. „Haben eigentlich nur die Bewohner, die weglaufen, aber ich denke darüber lässt die Chefin mit sich reden“. Ich bin erstaunt, denn Mama ist nicht so schnell mit Vornamen und dem Duzen bei der Hand. Sie meint: „Ich denke, hier kann ich mich mit der Zeit zuhause fühlen“.

Nun kommt Herr Bertram und fragt Mama, ob er ihr den Garten zeigen darf. „Dann kann Ihre Tochter alles auspacken und einräumen“. Danach erledige ich noch allerlei Papierkram mit der Leiterin der Wohngruppe. Günter und ich bleiben zum Mittagessen. Nun sieht Mama zum ersten mal alle Bewohner der Gruppe. Einigen ist sie schon vorgestellt worden. Es geht lebhaft, aber nicht übermässig laut zu. Für Mama ist es ungewohnt, denn ihre Gruppe im alten Heim war sehr ruhig gewesen. Beim Mittagessen gibt es zwei Gerichte zur Auswahl: Möhreneintopf oder Kartoffeln mit Kräuterquark und Leinöl. Wer möchte bekommt auch noch Nachtisch. Mama ist sichtbar müde von den vielen Eindrücken. Sie möchte ins Zimmer und rauchen.

Wir ziehen uns zurück. Und während sie die erste Zigarette raucht kippt ihre Stimmung und sie sagt, dass sie hier nicht bleiben wird. Günter ist schockiert über diesen Stimmungswechsel und kommt damit nicht klar. „Mama, Du bist jetzt sehr müde. Der Tag war ja auch anstrengend mit den ganzen Eindrücken. Jetzt schau erst einmal, wie es hier ist. Ich komme morgen wieder vorbei“. Wir verabschieden uns von ihr und gehen.

Ich merke, dass mich ihr Statement nicht tiefer berührt. Stimmungschwankungen kenne ich schon vor ihren Krankheitszeiten. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sie mich austesten will. Ich weiß, dass ich für sie getan habe, was mir möglich war, und ich habe auch den Eindruck, dass sie hier die Hilfe beim Einleben bekommt, die sie braucht.
2.10.06 22:57


Im falschen Film

30. September 2006

Der Umzug war anstrengend – darüber später mehr.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten ist sehr viel Papierkram zu erledigen. Alles mögliche musste ich unterschreiben und an Manches gewöhne ich mich nur schwer oder auch gar nicht.

Ich muß entscheiden, ob das Zimmer meiner Mutter nachts abgeschlossen wird, damit sie von den nachtaktiven Bewohnern nicht gestört wird. Ich muß entscheiden, wie das mit Maniküre und Pediküre läuft oder auch mit dem Friseur, mit der Rückgabe von Medikamenten, die sie nicht mehr braucht, welche Impfungen sie bekommt, ob sie Stimmungsaufheller bekommt. Ich muß mein Einverständnis erklären, dass die Mitarbeiter sie duzen, wenn sie selber das möchte und dass sie an den Ausflügen teilnehmen darf, die von der Einrichtung angeboten werden. Dann denke ich, dass ich im falschen Film bin und dass es Situationen gibt, in die kein Mensch kommen dürfte – die eigentlich unzumutbar sind.
30.9.06 21:53


Ein schwerer Schlag

28. September 2006

Mama war gestern schlecht drauf. Sie hatte Schmerzen in den Schultern und im rechten Knie. Ich habe schon damit gerechnet, weil das Wetter ziemlich feucht ist. „Ich mag hier nicht länger bleiben. Immer mit jemand anderem im Zimmer sein mag ich nicht“.

Du bist ja auch nicht mehr lang hier. Übermorgen werden Deine Möbel geholt und am Samstag ziehst Du dann um. Sie glaubt es nicht so recht. „Ach das sagst Du nur so“. Nein, ich war gerade beim Transportunternehmen und habe den Vertrag für Deinen Möbeltransport gemacht. Sie schaut sich den Vertrag intensiv an.

Etwas später als wir im Gruppenwohnzimmer sitzen und aus dem Balkonfenster auf die Kleingartenanlage schauen, meint sie: „Der Garten hier war schon sehr schön. Einen Garten wird es dort wohl nicht geben?“ Doch – sogar einen ziemlich großen.

„Manches war schön hier – und manches war grässlich.“ Was war denn schön für Dich? „Der eine Pfleger und der andere Pfleger“. Auf meine Nachfrage stellt sich heraus, dass sie Fritz und Dieter meint. Dieter ist seit 5 ½ Monaten auf einer anderen Station und doch erinnert sie sich noch an ihn. „Die hier arbeiten wissen doch von meinem Umzug?“ Ja – warum fragst Du? „Weil niemand mit mir darüber spricht, dass ich von hier wegziehe“.

„Kann die Andrea zu mir auch ins neue Heim zur Krankengymnastik kommen? Der habe ich soviel zu verdanken. Die macht das so gut“. Ich zögere etwas. „Das neue Heim ist ziemlich weit weg von hier. Dort gibt es auch Krankengymnastik. Morgen kommt die Andrea zu Dir.“

„Das ist schon ein schwerer Schlag, dass die Andrea dann nicht mehr zu mir kommt“ – und Mama weint.
28.9.06 07:21


Alzheimer - eine ganz normale Krankheit?

27. September 2006

„Alzheimer ist vielleicht gar keine Krankheit. Der Münchner Psychiater und Neurologe Hans Förstl betrachtet das Leiden als eine Alterserscheinung und mahnt zu einem Bewusstseinswandel. Es kann jeden von uns treffen.“

heißt es im Einleitungstext der „Zeit“ von von dieser Woche zum Interview mit Hans Förstl
27.9.06 12:54


Wackelkontakt

26. September 2006

Vered hat vor ein paar Tagen in einem Kommentar hier Mamas Situation mit einem Wackelkontakt verglichen. Dieser anschauliche Vergleich hat Günter und mir sehr gut gefallen. Beim Wackelkontakt ist es sehr unterschiedlich, wie viele Informationen durchkommen oder auch nicht. Inzwischen nehme ich die Wackelkontakt-Besuche nicht mehr so schwer. Anstrengend ist diese emotionale Achterbahn nach wie vor.

Am Wochenende war wieder so ein Wackelkontakt-Tag. Mama hielt mich streckenweise für ihre Schwester und fragte nach deren ersten Ehemann, den ich nicht gekannt habe. Als ich sagte: „Den Adolf habe ich nicht gekannt“ meinte sie: „Den musst Du doch gekannt haben. Du warst doch mit ihm verheiratet.“

„Nein, der war mein Onkel. Den habe ich aber nicht kennengelernt. Denn Deine Schwester hat sich schon vor meiner Geburt von ihm scheiden lassen. Ich bin doch Deine Tochter“.
26.9.06 07:27


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