Alzheimer - und dann?

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Umzugsgedanken

25. September 2006

Der bevorstehende Umzug scheint Mama sehr zu beschäftigen. Sie fragt mich, welche Farbe die Kacheln in ihrem Bad haben werden. Sie will wissen, ob das Umzugsauto schon bestellt ist und ob ich nicht schon bald anfange, ihre Sachen zu packen.

Sie fragt mich bei diesem Besuch auch, wann der nette Mann wieder kommt, mit dem ich sie neulich besucht hätte. Welcher Mann? Meinst Du Günter? Nein, nicht Günter, meint sie ärgerlich. Ich sitze auf der Leitung. „Ich meine den, der mir Blumen mitgebracht hat“. Ach den Herrn Bertram. Den wirst Du dann im neuen Heim ganz oft sehen. Der ist dort Sozialarbeiter.

Später finde ich ein Briefkuvert, auf dem sie sich den Namen von Herrn Bertram, Sozialarbeiter des neuen Heims, notiert hat sowie den Namen der Einrichtung. Ich bin perplex. Wie kann sie sich das merken? Als wir zu dritt zusammen waren, hat sie nicht mitgeschrieben.

Wir lesen die Oktoberfestberichterstattung einer Münchner Lokalzeitung. Da ist die Rede von Gerichten, die total überteuert sind. Ich lese den Artikel vor. Sie rechnet sofort völlig richtig die Euro-Preise in DM-Preise zurück.
Das alles fällt völlig aus dem Krankheitsbild heraus, das ihr zugeschrieben wird: Demenz.
25.9.06 10:22


Kartengrüße

22. September 2006

Mama möchte sich vom Doktor, der sie im Heim hausärztlich betreut verabschieden und auch von der Krankengymnastin Andrea.

Ich habe deshalb Karten mitgebracht. Sie sucht erst eine für den Doktor aus. Dann schreibt sie:

Lieber sehr geehrter Herr Doktor!

Sie sagt zu mir: Ich weiß nicht, wie der Doktor heißt, aber ich weiß, wer er ist.

Mama hat jahrzehntelang in einer Behörde gearbeitet. Sie unterschied sehr genau zwischen Privatbriefen mit der Anrede „Liebe/r“ und Briefe an Ämter oder Autoritätspersonen mit der Anrede: Sehr geehrte Damen und Herren. Der Doktor scheint emotional dazuwischen zu liegen.

Sie murmelt den Text vor sich hin, den sie völlig ohne meine Hilfe formuliert und niederschreibt.

Vielen Dank für die gute Betreuung und die Krankengymnastik. Ich habe viel weniger Schmerzen seither.

Eigentlich müsste ich ja schreiben „habe kaum mehr Schmerzen seither“. Das schreibe ich aber nicht, denn dann meint er vielleicht, dass ich keine Medikamente mehr brauche gegen die Schmerzen, siniert sie vor sich hin.

Dann fragt sie mich:“ Ob der mich auch mal dort besuchen kommt? Eine Tasse Kaffee habe ich für jeden, der vorbei kommt“. Lade ihn halt ein, schlage ich vor. Der Doktor hat mir mal erzählt, dass ein Freund von ihm ganz in der Nähe von Deinem neuen Heim wohnt. Sie schreibt weiter:

Vielleicht besuchen Sie mich, wenn Sie in meine Gegend kommen. Viele Grüße an alle, einschließlich die Frau Doktor.

Mama, warum grüßt Du die denn. Du kennst die doch gar nicht, die Frauen, die in der Praxis arbeiten. Ihre Antwort: Wenn ein Doktor so gut die Leute betreut und für sie da ist, wie der, dann kann der das nur machen, wenn die anderen in der Praxis gut arbeiten.

Ist das mit der Frau Doktor Zufall oder was? Ich habe ihr einige Male erzählt, dass die Frau vom Herrn Doktor in der Praxis mitarbeitet.

Wieder frage ich mich, wie jemand, der an Demenz leidet zu so komplexen Gedankengängen in der Lage ist. Der Doktor ist immer allein mittwochs alle zwei Wochen gekommen. Da ist seine Praxis geschlossen und er besucht die Patienten, die er in den umliegenden Altenheimen betreut.

Nun sucht sie eine Karte mit einer dicken fetten Mohnblume für die Krankengymnastin aus (siehe Headerbild): „Weil die so lieb ist. Der verdanke ich so viel. Die hat mich wieder hergestellt – nicht der liebe Gott“ und sie schreibt:

Liebe Andrea:
Hier ist eine besondere Karte für einen ganz besonderen Menschen. Vielen Dank für die Krankengymnastik und ihre Geduld.

Mit vielen Grüßen


Mama, die ihr ganzes Leben vorgedruckte Karten gekauft und gerade mal unterschrieben hat, bevor sie sie verschickt hat, formuliert trotz ihrer Krankheit persönliche Sätze für diese beiden Menschen. Ich gestehe, dass ich etwas neidisch bin, denn ich habe in meinem ganzen Leben keine solche Karte von ihr erhalten.

Mehr zu Mamas Doktor:
Professor Doktor
Ist der auch so nett wie er ausschaut?

Mehr zur Krankengymnastik:
Ich bin Helga, Ihre Krankengymnastin
Aufsteigender Ast
Krankengymnastik
Krankengymnastik 2
22.9.06 02:30


Prinzip Hoffnung

21. Sept 2006

Mama ist ihr ganzes erwachsenes Leben mit Schuhen, die meist sehr hohe Absätze hatten, durchs Leben gestöck gangen. Da sie jetzt nur noch sehr mühsam und langsam trippelnd geht und unterschiedlich dicke Beine hat, trägt sie Spezialschuhe, die flach sind.

„Was hast Du eigentlich mit meinen Schuhen gemacht? Hast Du die alle weg getan?“ will sie wissen. Mama, Du hast doch immer Schuhe mit Absätzen getragen. Damit kannst Du doch jetzt nicht mehr laufen, antworte ich ihr.

„Ja, jetzt im Moment nicht, aber in Zukunft schon wieder“ sagt sie im Brustton der Überzeugung.
21.9.06 07:49


Phasenhopping

18. September 2006

Beim vorletzten Besuch war Mama extrem schlecht drauf. Sie war sehr in sich zurückgezogen. In zwanzig Minuten sagte sie ungefähr drei Sätze, und das waren „Textbausteine“, mit denen sie auf mich reagierte. In solchen Situationen frage ich mich, ob das jetzt der Anfang von einer nächsten schlechteren Phase ist und wir bald nicht mehr miteinander reden können oder ob es einfach eine schlechte Tagesform ist.

Beim letzten Besuch war sie dann wieder sehr sprühend und präsent in einer Art, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass sie dement ist. Bei den Alzheimer-Tests werden Fragen gestellt, um herauszufinden, ob jemand „örtlich, zeitlich und situativ orientiert ist“. Und da staune ich immer wieder über sie.

Als ich am gestern kam, saßen die meisten Bewohner in der Fernsehecke in munterer Stimmung. Einige hatten gerade Handtücher zusammengelegt und zwei halfen Sema dabei, Bananen in kleine Stücke zu schneiden. Als sie damit fertig waren, fragte Sema Frau Lesser: „Frau Lesser, wollen Sie Ihre Schürze ausziehen. Heute ist Sonntag.“ Frau Lesser zog ihre Schürze aus und reichte sie Sema.

Etwa zehn Minuten später fängt eine Mitarbeiterin an zu saugen. Mama schaut auf ihre Uhr und meint mißbilligend: „Was muß die jetzt am Sonntagmittag um halb zwölf Staub saugen?“ Sie hatte also behalten, welcher Tag ist.

Sema stellte Herrn Roth, der neben Mama saß, einen Teller mit Bananenstücken hin. Er führt ein Bananenstück zum Mund, schaut es an mit dem was-soll-ich-jetzt-damit-tun-Blick. Mama sagt: „Herr Roth, Mund auf, dann geht es“. Tatsächlich macht er nach einiger Zeit den Mund auf. Nach und nach isst er einen Teil der Bananenstücke. Mama kommentiert das mit Staunen in der Stimme: „Meistens kann der Herr Roth das nicht alleine, aber heute schon“.

Ein paar Minuten später kommt ein baumlanger Mitarbeiter von der Nachbarstation vorbei, der gelegentlich in Mamas Wohngruppe aushilft. Sie fragt mich: „Siehst Du den ganz großen an der Tür? Weißt Du, wie der heißt?“ Nein, warum? „Der ist so nett. Immer wenn er mich sieht, dann fragt er mich, wie es mir geht. Und den interessiert jeden Tag, wie es mir geht. Die Mitarbeiter hier sind alle nett.“

Inzwischen hat Sema dieses und jenes weggeräumt oder gebracht, zwei Bewohnerinnen auf die Toilette begleitet und alle mit Getränken versorgt. Mama meint: „Die Sema ist eine ganz flinke. Die arbeitet (kurzes Nachdenken) atomschnell, ja atomschnell: Kann man gar nicht anders sagen.“

An diesem Vormittag war sie örtlich, zeitlich und situativ voll orientiert.
18.9.06 08:22


narrisch

17. September 2006

Mama ist putzmunter und gut aufgelegt. Ich erzähle ihr, daß in München gestern die Wies’n – das Oktoberfest – eröffnet worden ist. „Und wiavui kost jetzd heier d’ Wiesenmaß“ will sie wissen (wie viel kostet dieses Jahr die Wiesenmaß = 1 l Bier)? 7,50 € antworte ich.

Sieben Euro fuchzig – echot sie mit entsetzter Stimme. „Des san fuchzehn (15) Mark“ stellt sie fest. „San de wahnsinnig worn, de Großkopferten. Wer soi si denn des leistn kenna. Wann da a Familie auf d’ Wiesn geht, des kost ja a Vermögn. Des bleibt ja net bei oaner Maß. Und an de arma Leit dengan de übahaupt net.“

(Sind die wahnsinnig geworden, die oberen Zehntausend. Wer soll sich denn das leisten können. Wenn eine Familie auf die Wiesn geht, dann kostet das ja ein Vermögen. Es bleibt ja nicht bei einer Maß und an die armen Leute denken die ja überhaupt nicht“.

„Es gibt ja auch Bier- und Hendl-Gutscheine“ beschwichtige ich. „Trotzdem – de san narrisch worn“ (die sind verrückt geworden) ist Mamas Fazit und sie ist in Rage.



Mehr von Mama und der Wiesn
17.9.06 13:32


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